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Transnistrien: Von der Zerstörung einer Kultur zur Vernichtung durch Ignorieren

 

Die Bukowina: Ein europäisches Erbe unter rumänischer Herrschaft

Die Bukowina war über Jahrhunderte ein komplexes Gefüge unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen, in dem das jüdische Leben tief in der Identität der Region verwurzelt war. Ein leuchtendes Symbol dieser Integration war Dr. Eduard Reiss. Er leitete als Bürgermeister von Czernowitz die einzige Kronstadt Österreich-Ungarns, die einen Juden in dieser höchsten Funktion hatte. Czernowitz selbst hatte sich seit der österreichischen Landnahme von einer unbedeutenden Siedlung zu einem strahlenden Zentrum europäischer Urbanität entwickelt – mit einer angesehenen Universität, prachtvoller Architektur und einer zentralen Rolle als Verkehrsknotenpunkt zwischen Ost und West.

Grab von Eduard Reiss
Das Grab von Dr. Eduard Reiss am jüdischen Friedhof von Czernowitz. (Foto: Raimund Lang, CC BY-SA 3.0 DE)

Doch dieses Gefüge war bereits vor dem Krieg an vielen Stellen brüchig geworden. Zwar existierte bereits in der österreichischen Ära ein spürbarer Antisemitismus, doch mit der rumänischen Annexion nach 1918 wurde die Ausgrenzung zur systematischen Praxis. Unter rumänischer Herrschaft wurde ein aggressiver Nationalismus und Rassismus zwar nicht zur formalen Staatsdoktrin, aber zur alles durchdringenden Ideologie. Ein prominentes Beispiel hierfür war die Karriere des Historikers Ion I. Nistor (1876–1962). Er war Professor und Rektor in Czernowitz und trieb als Minister in verschiedenen Regierungen die rücksichtslose Rumänisierung voran.

Ion Nistor
Ion I. Nistor, treibende Kraft der Rumänisierung. (Quelle: Muzeul Virtual al Unirii)

Unter dieser Verdrängung litten alle nicht-rumänischen Gruppen: Jüdische, ukrainische und deutsche Beamte, Lehrer und Professoren wurden systematisch aus ihren Ämtern entfernt. Während es der deutschsprachigen Minderheit ein wenig besser ging als anderen Gruppen, blieb auch sie nicht von Repressionen verschont und litt massiv unter der neuen Ordnung.

 

Das Trauma des „Russenjahres“ (1940–1941)

Ein entscheidender Wendepunkt war das sogenannte „Russenjahr“. Infolge des geheimen Zusatzprotokolls des Molotow-Ribbentrop-Paktes, in dem Nazideutschland und die Sowjetunion Osteuropa unter sich aufteilten, wurde die Nordbukowina der UdSSR zugesprochen. Am 28. Juni 1940 besetzte die Rote Armee das Gebiet. Das folgende Jahr war von einem sowjetischen Schreckensregime geprägt, das an die traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs anknüpfte. Tausende Intellektuelle, Grundbesitzer und Mitglieder der gesellschaftlichen Eliten wurden willkürlich verhaftet und nach Sibirien deportiert. Dieses Jahr der Unterdrückung diente den zurückkehrenden Rumänen später als zynischer Vorwand, um die jüdische Bevölkerung pauschal als „bolschewistische Kollaborateure“ zu diffamieren.

 

Invasion und der Mord an Oberrabbiner Dr. Mark

Mit dem Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 wendete sich das Blatt erneut. Aus dem Süden rückten rumänische Truppen vor, während aus dem Norden die deutsche Wehrmacht und die Einsatzgruppe 10B in die Bukowina eindrangen. Der Terror gegen die jüdische Bevölkerung begann unmittelbar. Ein erschütterndes Symbol ist das Schicksal des Oberrabbiners Dr. Abraham Jakob Mark.

Abraham Jakob Mark
Oberrabbiner Dr. Abraham Jakob Mark (1884–1941). (Quelle: Wikipedia/Cezarika1)

Am 7. Juli 1941 wurde er von SS-Einheiten aus seinem Haus verschleppt und zur Synagoge gebracht. Als diese am nächsten Tag in Brand gesteckt wurde, trieben sie Mark auf das Dach des Hotels „Schwarzer Adler“, um ihn zu zwingen, der brennenden Synagoge zuzusehen. Am 9. Juli wurde er zusammen mit anderen Gefangenen am Ufer des Pruth von den Deutschen erschossen. Seine Frau Perla Mark bezeugte dies 1961 im Eichmann-Prozess.

 

Das Ghetto Czernowitz und die Rettung durch Popovici und Schellhorn

Am 11. Oktober 1941 ordneten die rumänischen Behörden die Errichtung eines Ghettos an. In einem Bezirk rund um den Marienplatz (Sfânta Marie Piaţa), in dem zuvor etwa 5.000 Menschen gelebt hatten, wurden binnen Tagen rund 50.000 Menschen zusammengepfercht. Es herrschten katastrophale Bedingungen in überfüllten Waschküchen und Kellern. Das Ghetto, begrenzt durch einen Bretterzaun, diente als logistische Vorstufe für die Deportationen via Bahnhof.

Inmitten dieser Finsternis gab es einen Akt der Menschlichkeit: Der Bürgermeister Traian Popovici und der deutsche Konsul Dr. Fritz Schellhorn arbeiteten zusammen, um Tausende vor der Deportation zu bewahren. Sie überzeugten Antonescu davon, dass 20.000 Juden als Fachkräfte für das Funktionieren der Stadt unverzichtbar seien. Popovici stellte unter hohem Risiko Schutzbescheinigungen aus. Obwohl die Zahl nach seiner Absetzung reduziert wurde, retteten sie gemeinsam tausende Leben.

Fritz Schellhorn
Dr. Fritz Schellhorn (Quelle: Gedenkstätte Stille Helden / PA AA)
Traian Popovici
Bürgermeister Traian Popovici (1934)

Die Grausamkeit der Deportation: Die Märsche in den Tod

Die Deportationen aus Czernowitz und Radautz waren kein bürokratischer Prozess, sondern ein Ausbruch roher Gewalt. Da sie im Juni und Juli begannen, trugen viele Menschen nur leichte Sommerkleidchen. Die Züge hielten meist nach kurzer Fahrt an den Ufern des Dnjestr an. Was folgte, waren endlose Todesmärsche Richtung Osten.

Die Menschen wurden misshandelt und bestohlen. Wer vor Erschöpfung stürzte, wurde liquidiert. So wurde auch die Mutter von Paul Celan im Straßengraben erschossen. An den Ufern des Dnjestr wurden die Deportierten oft wahllos in die Fluten getrieben, wo Unzählige ertranken oder erschossen wurden.

Juden am Dniester
Deportierte beim Übergang über den Dnjestr. (Bildrechte: Yad Vashem)

 

Transnistrien: Vernichtung durch kalkuliertes Ignorieren

Das Zielgebiet war Transnistrien, ein Territorium zwischen Dnjestr und Südlichem Bug unter rumänischer Verwaltung. Historisch ist belegt, dass Hitler und Antonescu sich mehrfach trafen, um die Verfolgung zu besprechen. Die Brutalität der rumänischen Truppen an den Zugängen war dabei so exzessiv, dass sogar Berichte der Wehrmacht und der SS die „unmenschliche“ Behandlung kritisierten – aus Sorge um die militärische Ordnung.

Landkarte Transnistrien
Die Deportationsrouten und das Gebiet Transnistrien. (Grafik: db)

In Transnistrien selbst gab es fast nichts. Die Überlebenden, „rastlos wie Hunde gehetzt“, wurden in Ruinen, ehemalige Kolchosen oder Schweineställe ohne Fenster und Türen getrieben. Es gab keine Verpflegung, kein sauberes Wasser und keine Medikamente. Die wenigen Lebensmittel konnten nur bei der lokalen bäuerlichen Bevölkerung gegen letzte Habseligkeiten getauscht werden. Die Währungsumstellung von Rubel auf Lei vernichtete zudem jegliche Rücklagen und stürzte selbst Wohlhabende ins Elend.

Das Gebiet war als „Hinterhof des Rumänischen Reiches“ hermetisch abgeriegelt; man sperrte die ungewollten Menschen ein – aus dem Augen, aus dem Sinn. Neben der jüdischen Bevölkerung wurden hier auch massenhaft Roma/Romnja und Sinti/Sintizze ermordet. Die Behörden ließen die Menschen einfach verrecken.

Als der bittere Steppenwinter mit Temperaturen unter -30 Grad hereinbrach, wurde die leichte Sommerkleidung zum Todesurteil. Hungerödemen folgte das Fleckfieber, das sich mangels Hygiene unaufhaltsam ausbreitete. Ganze Familien starben in den Ruinen; die Toten blieben oft tagelang bei den Lebenden liegen. Als die Rote Armee im Frühjahr 1944 eintraf, war Transnistrien ein riesiger Friedhof unter freiem Himmel.

 

 

 

Das bittere Ende und die schwierige Rückkehr (1944–1947)

Im Frühjahr 1944 kämpfte sich die Rote Armee unaufhaltsam nach Westen vor und erreichte schließlich die Region Transnistrien. Während in Rumänien der Diktator Ion Antonescu im August 1944 gestürzt wurde, bedeutete dies für die Überlebenden der Lager keineswegs eine sofortige Heimkehr. Der Weg zurück in die Bukowina war steinig und voller bürokratischer wie physischer Hindernisse; bei vielen dauerte es bis 1947, bis sie Czernowitz oder Radautz wieder erreichten. Doch die Heimat, die sie vorfanden, war eine völlig andere geworden.

Die Rückkehrer waren in ihrer eigenen Stadt nicht willkommen. Die meisten Häuser und Wohnungen waren mittlerweile von anderen Menschen bewohnt, die das geraubte Eigentum nicht mehr verlassen wollten. Hinzu kam eine gezielte Bevölkerungspolitik der neuen sowjetischen Machthaber: Die Führung siedelte systematisch russischsprachige Menschen vor allem aus der Ostukraine – insbesondere aus Charkiw – in der Bukowina an. Dies geschah einerseits, weil die Städte im Osten durch die deutsche Taktik der „verbrannten Erde“ massiv zerstört worden waren, andererseits aber auch, um den ukrainischen Nationalismus vor Ort durch die Ansiedlung loyaler sowjetischer Bürger zu unterminieren.

Der Holocaust spielte in der sowjetischen Historiographie der Nachkriegszeit kaum eine Rolle. Die spezifisch jüdische Tragödie wurde verschwiegen; offiziell gab es nur „Opfer des Faschismus“ oder „friedliche sowjetische Bürger“, die im Großen Vaterländischen Krieg gefallen waren. Das individuelle Leid in Transnistrien wurde so Teil eines kollektiven sowjetischen Helden- und Opfermythos, in dem für jüdische Identität kein Platz war.

 

Flucht, Vertreibung und die Lager auf Zypern

Jüdinnen und Juden, die das Grauen von Transnistrien überlebt hatten, sahen sich in der Sowjetunion mit neuerlicher Unterdrückung konfrontiert. Den Überlebenden wurde die Ausreise nach Rumänien oft nicht nur erlaubt, sondern sie wurden förmlich dazu gedrängt, die Bukowina zu verlassen. Man stellte ihnen die Weiterreise nach Palästina (Erez Israel) in Aussicht, doch für viele wurde dies zur nächsten Odyssee des Leidens. Aufgrund der restriktiven Einwanderungspolitik der Briten strandeten Tausende in Auffanglagern auf Zypern.

Dort wiederholte sich das Elend: Die Menschen, die gerade erst der Kälte Transnistriens entkommen waren, lebten teilweise über Jahre in Zelten, der Witterung schutzlos ausgesetzt. Als sie schließlich nach der Staatsgründung Israels einwandern durften, wurden jene ohne bestehende Kontakte oder Verwandte vor Ort abermals inhaftiert – vor allem im Lager Athlit. Für viele Bukowiner Juden war der Weg in die Freiheit somit gepflastert mit Stacheldraht, der sie fast ein Jahrzehnt lang begleitete.

 

Jüdisches Leben im sowjetischen Untergrund

In der Bukowina selbst verschwand das jüdische Leben während der Sowjetzeit ins Private. Da die offizielle Staatsreligion der Atheismus war, galt jede religiöse Ausübung als verdächtig. Dennoch fand im Verborgenen, oft im Wissen der Behörden, aber möglichst unsichtbar, weiterhin ein jüdisches Gemeindeleben statt. Anfangs war die Synagoge in der Russkaja-Straße noch in Betrieb.

 

In den 1950er Jahren musste die Synagoge in der Vul. Ruska jedoch auf Druck der Behörden den Betrieb einstellen. Danach blieb nur noch die Benjamin-Synagoge in der Lukyjana-Kobylytsin-Straße als letztes offizielles Gebetshaus bestehen, in dem die jüdische Tradition unter erschwerten Bedingungen fortgeführt wurde.

 

 

Wiedergeburt in der Gegenwart

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine begann eine langsame Wiederbelebung der jüdischen Infrastruktur. Heute ist das jüdische Erbe wieder ein sichtbarer Teil des Stadtbildes. Ein zentrales Symbol dieser Renaissance ist die Korn-Synagoge, die heute wieder für Gottesdienste und das Gemeindeleben offen steht.

 
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