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Der Weg der Briefe: Von der Sperrzone ins Welterbe

 

Post aus der Hölle: Die Umstände des Überlebens

Die 192 Briefe der Sammlung Dr. Albert Twers sind keine gewöhnlichen historischen Dokumente; sie sind die letzten Lebenszeichen aus einem Raum des geplanten Todes. In der militärischen Sperrzone Transnistrien, jenem Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Südlicher Bug, das unter rumänischer Verwaltung stand, waren die deportierten Juden der Bukowina jeder rechtlichen Grundlage beraubt. Sie lebten in Ruinen, Schweineställen und improvisierten Lagern, gepeitscht von Hunger, Kälte und den verheerenden Fleckfieber-Epidemien. In dieser absoluten Isolation, in der die Welt ihr Gesicht abgewandt hatte, war das geschriebene Wort der einzige verbliebene Beweis für die eigene Existenz.

Die Briefe wurden unter unvorstellbaren Entbehrungen verfasst – auf kleinsten Papierfetzen, Rückseiten von Formularen oder alten Zeitungsrändern, oft bei Kerzenschein und unter Tränen an die Lieben in der Heimat geschrieben. Doch der Weg dieser Nachrichten war eine tödliche Gefahr. Da Transnistrien hermetisch abgeriegelt war, existierte kein offizieller Postweg. Jedes Blatt Papier, das die Zone ohne Zensurstempel verließ, galt nach dem rumänischen Militärstrafrecht als Werkzeug der Spionage oder Sabotage. Albert Twers nahm diese Last auf sich. Er schmuggelte die Briefe direkt an seinem Körper, versteckt in der Kleidung, vorbei an bewaffneten Gendarmerieposten und harten Kontrollen. Für die Absender war er der „Kurier der Hoffnung“, für das System ein Staatsfeind, der täglich sein Leben auf dem Schafott riskierte.

Die Aktenmappe der Sammlung Twers
Die Original-Aktenmappe des Verfahrens gegen Dr. Albert Twers – Dieses unscheinbare Dossier bewahrte die Briefe über acht Jahrzehnte.

 

Die Festnahme und die juristische List

Nach einer monatelangen, präzisen Beobachtung durch die Siguranța Statului, den rumänischen Geheimdienst, erfolgte der Zugriff am Bahnhof von Czernowitz. Albert Twers wurde verhaftet, die 192 Briefe sichergestellt. Da das Regime ihn aufgrund seiner Biografie und seiner Ehe mit einer Jüdin ohnehin als „politisch unzuverlässig“ führte, war das Ziel der Ermittler klar: Ein Schauprozess wegen Hochverrats und Spionage. Man wollte ein Exempel statuieren, das jede Form von Zivilcourage im Keime ersticken sollte.

Doch Twers konterte diesen Vernichtungsversuch mit der kühlen Präzision eines erfahrenen Juristen. Er wusste, dass Leugnen angesichts der beschlagnahmten Briefe zwecklos war. In einem brillanten Akt der Selbsterhaltung gestand er die Tat ein, definierte sie jedoch rechtlich um: Er gab offen zu, die militärische Zensur umgangen zu haben, und wies – fast schon provokant – darauf hin, dass er keine Briefmarken verwendet habe. Er bekannte sich somit des Postbetrugs und der Zensurumgehung für schuldig. Dieser Schachzug war genial: Ein Postbetrüger war kein politischer Hochverräter. Durch dieses Geständnis eines „gewöhnlichen“ Delikts verlor der Geheimdienst die Zuständigkeit, und der Fall musste an die reguläre Gendarmerie abgegeben werden. Twers rettete so sein Leben, indem er sich selbst zum einfachen Kriminellen herabstufte, um der Hinrichtung als Staatsfeind zu entgehen.

 

Sprachbarrieren und die Logik der Beweismittel

Die rumänische Gendarmerie stand nun vor einem logistischen Trümmerhaufen. Während in der österreichischen Ära die Verwaltung penibel darauf geachtet hatte, Beamte und Polizisten direkt aus der Bukowina zu rekrutieren, um im Schmelztiegel der Sprachen (Deutsch, Rumänisch, Ukrainisch, Jiddisch, Polnisch) kommunizieren zu können, verfolgte das rumänische Königreich eine Politik der radikalen Rumänisierung. Die aus dem Altreich entsandten Gendarmen verstanden kein Wort der beschlagnahmten Korrespondenz.

Da die Briefe jedoch im laufenden Prozess formell als Beweismittel aufgenommen worden waren, griffen die strengen Regeln der Gerichtsbürokratie. Beweismittel in einem laufenden Verfahren unterliegen einem Vernichtungsverbot; sie dürfen unter keinen Umständen einfach entsorgt werden. Um sie verwerten zu können, mussten sie übersetzt werden – ein Prozess, der so zeit- und kostenintensiv war, dass die Behörden schließlich kapitulierten und sich auf 21 exemplarische Briefe beschränkten. Die bürokratische Sturheit, die Beweismittel bis zum Ende des Verfahrens und darüber hinaus aufzubewahren, wurde paradoxerweise zum Lebensretter für diese Dokumente.

 

Die sowjetische Ära: Schweigen unter dem Deckmantel des Sieges

Nach dem Ende des Krieges und der sowjetischen Besetzung der Bukowina traten die Dokumente in eine Phase der tiefen Vergessenheit. Die sowjetische Archivverwaltung war von einer klaren Ideologie geprägt: Während sie massenhaft Aktenbestände als Beutegut nach Moskau oder St. Petersburg verschleppte, blieb das, was sie vor Ort zurückließ, oft unbeachtet. Die Sowjets begannen ein quasi neues Archivsystem, das zwar auf den alten Fond-Nummern fußte, inhaltlich aber einen radikalen Bruch vollzog.

Die Briefe der Sammlung Twers waren den neuen Machthabern völlig gleichgültig. Der Holocaust als singuläres Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung existierte im sowjetischen Narrativ nicht; man sprach lediglich von den „friedlichen sowjetischen Bürgern“, die durch den Faschismus ermordet worden waren. Da die Briefe keinen direkten Bezug zur heroischen Roten Armee oder zum kommunistischen Widerstand hatten, wurden sie als belangloses Material einer „bürgerlich-faschistischen“ rumänischen Justiz eingestuft. Sie blieben im Fond 1061 liegen – unsichtbar und glücklicherweise unzerstört.

 

Die ukrainische Periode und die Wiederentdeckung

Erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine begann eine neue Bewertung der Bestände. Hier fand sie fast 60 Jahre nach Kriegsende der damals junge Lokalhistoriker Serhij Osatschuk. Er erkannte sofort, dass diese Aktenmappe kein bloßer Justizvorgang war, sondern eine moralische Anklage gegen das Vergessen. Erst aufgrund seiner Entdeckung und der damit verbundenen Bedeutung wurden die Dokumente offiziell als UD (Unikale Dokumente) klassifiziert – die höchste Schutzkategorie für kulturelles Welterbe in ukrainischen Archiven. Obwohl solche Unikate eigentlich nach Kyjiw überführt werden müssen, verblieb die Sammlung in Czernowitz. Auf dieser Basis initiierte Osatschuk gemeinsam mit dem österreichischen Historiker Benjamin Grilj das internationale Forschungsprojekt, um die Stimmen aus Transnistrien der Weltöffentlichkeit zurückzugeben. Heute leisten die ukrainischen Archivare unter extremen Bedingungen Großartiges, um dieses Erbe als Teil des globalen Holocaustgedenkens zu bewahren.

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