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Dr. Albert Twers: Ein Leben für die Menschlichkeit

 

Herkunft in der Bukowina – Ein Ideal am Abgrund

Albert Twers wurde am 13. Dezember 1904 in Rădăuți geboren, einer Stadt im habsburgischen Kronland Bukowina. Diese Region wird oft als die Heimat des „Homo Bukovinensis“ verklärt – eines Ideals des übernationalen Europäers, der in einem Geflecht aus Sprachen, Religionen und Ethnien keine Bedrohung, sondern eine kulturelle Synthese sah. Doch dieser Mythos trug eine düstere Kehrseite in sich.

Die Dichterin Rose Ausländer, eine Zeitgenossin Twers’, beschrieb das Verstummen dieser Welt mit den Worten: „Sie schwiegen in fünf Sprachen.“ Damit benannte sie präzise den Moment, in dem die idealisierte Vielsprachigkeit zur Maske wurde und Nachbarn verstummten, als die politischen Systeme kollabierten. In dieser vielschichtigen Welt wuchs Albert Twers auf. Seine Familie war ethnisch tschechisch und lebte eine multikonfessionelle Normalität – katholische und protestantische Wurzeln standen nebeneinander, ohne Konflikt, aber auch ohne die Privilegien der herrschenden Schichten. Sein Vater Hermann, ursprünglich ein gelernter Schlosser, erkrankte schwer und musste sich unter großen Entbehrungen zum Schneider umschulen, um die Familie durchzubringen. Als er 1909 starb, blieb der fünfjährige Albert mit seiner Mutter Ida nahezu mittellos zurück.

 

Bildung gegen alle Hindernisse – Der Einfluss Naftali Alperns

Alberts Kindheit war geprägt von materiellem Mangel, aber von einer unerschütterlichen intellektuellen Entschlossenheit. Er besuchte das renommierte Eudoxiu-Hormuzachi-Gymnasium in Rădăuți, eine Bastion humanistischer Bildung. Da seine Mutter ihn finanziell in keiner Weise unterstützen konnte, finanzierte Albert seine gesamte Schul- und spätere Universitätszeit vollständig selbst durch Privatunterricht, den er jüngeren Schülern gab. Diese Fähigkeit, Wissen strukturiert zu vermitteln und moralische Strenge zu wahren, übernahm er von einem Mann, der sein Leben prägen sollte: Naftali Alpern.

Alpern war ein klassischer Philologe, der in Wien Griechisch und Latein studiert hatte. Sein humanistisches Denken und seine intellektuelle Integrität wurden für Albert zum moralischen Orientierungspunkt – lange bevor die Geschichte von ihm radikalen Mut einforderte. Durch Alpern lernte er dessen Tochter Deborah kennen, die er 1933 heiratete. Ihr liturgischer Name war Musia, doch im Alltag war sie Deborah. Die Verbindung zu dieser jüdisch-bürgerlichen Familie öffnete Albert die Tore zur jüdischen Kultur und Frömmigkeit. Für ihn, der in multikonfessioneller Normalität aufgewachsen war, war dieser Übergang keine „Bekehrung“ im religiösen Sinne, sondern ein kulturelles und emotionales Zusammenwachsen zweier Welten, das frei von ideologischer Schwere blieb.

 

Albert und Deborah Twers
Albert und Deborah Twers, vermutlich 1934

 

Militärdienst und Aufstieg – Die Pervertierung der Loyalität

Nach seinem Militärdienst, den er 1925 als Unteroffizier der Reserve im rumänischen Heer abschloss, begann Albert das Jurastudium in Czernowitz. 1928 schloss er das Studium ab, 1931 wurde er als Rechtsanwalt zugelassen. Es ist entscheidend, seine Militärzeit hervorzuheben: Sie begründete sein Verhältnis zu Staat und Pflicht. Albert diente dem rumänischen Staat loyal – derselben Institution, die ihn später als „unzuverlässig“, dann aufgrund seiner Ehe als „politisch verdächtig“ und schließlich als „Volksdeutschen“ verfolgte.

Während er seine Karriere aufbaute, wurde Rumänien faschistisch. Die Eiserne Garde gewann Einfluss, und der Antisemitismus wurde zur Staatsdoktrin erhoben. Bereits 1938 war die jüdische Bevölkerung systematischen Ausschlüssen ausgesetzt.

 

1940: Das „Russenjahr“ und die Paradoxie der Flucht

Im Juni 1940 änderte sich die Weltlage der Bukowina schlagartig. Die Sowjetunion besetzte die Nordbukowina. Rădăuți blieb rumänisch, wurde aber von einem gewaltigen Flüchtlingsstrom überrollt. Das sogenannte „Russenjahr“ (1940–1941) weckte bei der Bevölkerung traumatische Erinnerungen an die russischen Besatzungen während des Ersten Weltkriegs. Man erinnerte sich lebhaft an die wahllosen Geiselnahmen von Zivilisten, die Verschleppungen nach Sibirien und den tief verwurzelten Antisemitismus der russischen Armee.

Dies führte zu einer historischen Paradoxie: Obwohl die rumänischen Faschisten bereits offen mörderischen Hass propagierten, flohen tausende Juden aus dem Norden in den rumänischen Süden. Die Angst vor der sowjetischen Willkür, den Enteignungen und dem stalinistischen Terror wog schwerer als die Angst vor den einheimischen Antisemiten. Viele dieser Flüchtlinge sowie Einheimische wie Albert sahen im Eintritt in die rumänische Armee oder im Bekenntnis zum Staat eine Möglichkeit, ihre Loyalität gegenüber dem rumänischen Königshaus unter Beweis zu stellen – in der verzweifelten Hoffnung, dass die monarchische Tradition sie vor der Vernichtung schützen würde.

 

1941: Transnistrien – Die Topografie des Todes

Im Sommer 1941, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, eskalierte die Gewalt im rumänischen Sektor. Es waren primär rumänische Truppen und die lokale Gendarmerie, die in Rădăuți mit brutaler Wucht agierten. Es kam zu Erschießungen, Raub und gewalttätigen Übergriffen durch Teile der Zivilbevölkerung. Die Deportationen nach Transnistrien begannen im Spätsommer 1941. Dieses Gebiet war kein Lager im klassischen Sinne, sondern ein riesiges, kaum verwaltetes Todesgebiet. Hier starben Menschen nicht in Gaskammern, sondern durch kalkuliertes Verhungern, Kälte, Fleckfieber und Willkürmorde. Die Opferzahlen sind nicht exakt erfassbar, werden aber im Bereich von mehreren hunderttausend Menschen verortet. Unter den Deportierten befand sich Deborahs gesamte Familie – ihre Eltern und drei Brüder. Albert unternahm das Unmögliche: Über seinen Bruder, der eine maßgebliche Position am Militärgericht in Jassy innehatte und Zugang zu Marschall Antonescu besaß, erwirkte er eine Repatriierungsgenehmigung. Ein nahezu einmaliger Vorgang, der die gesamte Familie Alpern zurück nach Rădăuți brachte.

 

Der freiwillige Gang in die Hölle – Der Kurier der Hoffnung

Nachdem die eigene Familie in Sicherheit war, hätte Albert schweigen können. Doch er kehrte freiwillig als Kurier nach Transnistrien zurück. Seine Tätigkeit war logistische Schwerstarbeit unter ständiger Lebensgefahr. Er war das einzige Bindeglied zwischen den Deportierten, die rechtlich nicht mehr existierten, und der Außenwelt. Er schmuggelte: 192 Briefe: Diese Sammlung ist heute ein Archiv des Schmerzes und der Hoffnung.

Sie enthielten Lebenszeichen und Bitten um Hilfe. Lebensnotwendige Güter: Er brachte Medikamente, Kerzen und Kleidung. Werkzeuge für die Würde: Er transportierte Chemikalien zum Gerben, einfache zahnärztliche Instrumente, Stoffreste und Nähmaterial. Damit ermöglichte er es den Menschen in den Lagern, durch Handarbeit eine minimale Existenzgrundlage und einen Rest an Selbstachtung zu bewahren.

 

Verhaftung und die Zerstörung der bürgerlichen Existenz

Am Bahnhof von Czernowitz wurde Albert schließlich verhaftet. Die rumänische Geheimpolizei suchte nach einem Spionagevorwurf, fand keinen und konstruierte stattdessen ein Verfahren wegen „Umgehung der Zensur“. Der Prozess war ein politisches Theater. Als Jurist kannte Albert das Recht, doch er stand einem System gegenüber, das das Recht als Waffe gegen die Menschlichkeit führte. Man entzog ihm die Zulassung als Rechtsanwalt, beschlagnahmte sein Vermögen und vernichtete seine berufliche Existenz. Die Verurteilung war der Versuch, die moralische Autorität eines Mannes zu zerstören, der gegen die staatliche Grausamkeit gehandelt hatte.

 

Die sowjetische Perversion: Vom Retter zum Gulag-Häftling

Nach dem Kollaps des Antonescu-Regimes 1944 folgte keine Gerechtigkeit. Die sowjetische Besatzungsmacht sah in ihm nicht den Lebensretter, sondern stufte ihn aufgrund seines Namens und seiner Biografie willkürlich als „Volksdeutschen“ ein. Die jüdische Gemeinde von Rădăuți – Menschen, die den Krieg nur durch seinen Mut überlebt hatten – verfasste ein eindrucksvolles Schreiben an die sowjetischen Behörden. Sie bezeugten, dass er tschechisch sei, jiddisch spreche und hunderte Menschen aktiv vor dem Tod gerettet habe. Dass eine jüdische Gemeinde in einem stalinistischen Staat ein solches Schreiben wagte, ist ein historisches Ereignis für sich. Doch die Sowjets ignorierten es. Albert wurde zu Zwangsarbeit in einem sowjetischen Gulag verurteilt und in eine Kupfermine deportiert. Drei Jahre lang überlebte er unter unmenschlichen Bedingungen.

 

Ansuchen der Kultusgemeinde Radauti an den NKWD Albert Twers nicht zu verfolgenAnsuchen der Kultusgemeinde Radauti an den NKWD Albert Twers nicht zu verfolgenAnsuchen der Kultusgemeinde Radauti an den NKWD Albert Twers nicht zu verfolgen
Ansuchen der Kultusgemeinde Radauti an den NKWD Albert Twers nicht zu verfolgen

 

Ein Ende in stiller Würde

Als er zurückkehrte, war er kaum wiederzuerkennen. Unter dem kommunistischen Regime Rumäniens durfte er nie wieder als Anwalt arbeiten. Er wurde zum einfachen Arbeiter im Sägewerk herabgestuft. Doch er blieb ein Mensch von stiller Würde. Er erzählte wenig, klagte nie und bewahrte seine Menschlichkeit in einer Welt, die sie nicht belohnte. Albert Twers starb 1972 in seiner Geburtsstadt Rădăuți.

 

Vermächtnis

Sein Leben steht für die Entscheidung, das Richtige zu tun, auch wenn der Staat es verbietet. Er steht dafür, dass Zivilcourage eine Form der Liebe zu den Menschen ist, nicht zu Systemen. Dr. Albert Twers bewies, dass die Würde des Individuums stärker sein kann als die Gewalt jeder Diktatur.

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