Meine Lieben,
gestern habe einen Brief v. 20-23 bekommen – und vor Freude geweint. Es ist die erste Nachricht die ich von euch habe. Auch die 5 habe erhalten und danke euch. Eine Kiste mit Sachen ist mir avisiert, sie ist in einem Dorf 20 km. von hier. Ich hoffe sie in einigen Tagen zu bekommen. Mit Sachen ist es wirklich schwer da das Meiste in Moghilau – bis Gelegenheit ist – es herzuschicken – ausgeplündert wird. Wenn ihr hier was schicken könnt so schickt es an Dr. Theodor Mehlmann Moghilau für Dr. S. Auch die Sachen an Sidi auf gleiche Adresse an mich adressiert. Mehlmann u. Neger sind die einzigen die in Mog.[hilau] geblieben sind als Leiter des Asyls. Wir hätten auch bleiben können Frit[z]i wollte sich nicht von seinen Geschwistern teilen und ich nicht von Lena und alle[i]n pegern [jiddisch für sterben]. Ausserdem dachte ich es wird hier besser sei was aber ein Irrtum war.
Bin aber doch zufrieden hier zu sein ich hätte – seelisch nicht die Kraft allein zu sein. Wir haben endlich die Gewissheit hier zu bleiben – auch Sidi – es war nicht billig ist aber jedes Opfer wert. Wenn ihr an Titi Mehlm.[ann] was schickt soll den Bote eine von ihm Bestätigung bringen das er in Ordnung übergeben hat. Es muss alles im Sack vernäht und dann in Kiste und versiegelt sein, sonst geht viel verloren. Mein Wunschzettel für eventuelle Fälle wäre: einige dicke Kerzen (kauft die Kirchenlichter und brecht sie) Tee, Frankkaffee, Marmelade in einem 5 l. Kochtopf mit Deckel, Wäscheseife, dann 2 P[aar] Woll- od Patentstrümpfe und dicke Seidenstr.[ümpfe], Windfest 10 Grösse. Eventuell 1 P[aar] warme Hausschuhe Nr. 40. Das ist dann für uns 3. Elly, Jeany u. ich haben alle gleiche Schuhnummer. Schuhe benötigt Jeany nicht. Er hat seine Bocaucen und 1P[aar]] Halbschuhe heute billig abgekauft. Das genügt. Wenn ihr 1 P[aar] gute Bocaucen für Jean Hen. so ergattern könnten No. 44 er geht in dünnen Schuhen ohne Schneeschuhe, seine Bocaucen wurden ihm gestohlen. 1-2 P[aar] Wollsocken oder Wolle zum stricken könnt ihr schicken. Wenn es geht ein Topf mir ausgekochten Gansfett wäre schön und etwas Süsses. Wir sehnen uns nach ein Stückerl Chocolade oder Zucker. Und wenn von so ein Wickerl [Wicktopf - ein Schmortopf] ist. Legt 2 Suppen oder Fleischteller hinein, ein kleines Bretterl [Schneidbrett] auch eine Fleischmaschine wäre schön. Geld schickt momentan nicht mehr
Ihr habt uns viel geschickt und Fritzi verdient. Sogar Gips haben wir schon etwas bekommen. Für Fritz benötige. 5 Platten rosa Wachs, 2 Platten Randolfblech, 10 Gr[o]s[se]. Rabdolflot, 10 Gr[o]s[se]. Wiplalot, grünen Stein, Polierkegel u. Bürste für Wipla zum Polieren. 1 Flascherl Sidol (auch zum polieren.) Ja noch einige Reibbürsten 1 für den Fussboden 1 als Kopfbürste und eine als Handbürstel zu verwenden. Und Schuhpasta. Alles Andere haben wir noch. Wir haben v.[om] Gepäck nur den Rucksack und einige Kleinigkeiten (darunter mein Waschlavoir [Waschschüssel] u. den Besen) verloren. Unersetzbare Dinge aber man hilft sich. Ach das Wichtigste hätte beinahe vergessen. Schreibpapier u. Couverts, Postkarten und viel feineres Zeitungspapier fürs Clo. Zig.[aretten] bekommt man 4 R[ubel] ein Packel Nation. Ich hoffe dass Martha meinen sehr ausführl.[ichen] Brief über alles bisherige erhalten hat, so schreiben ich ein[ma]l. wie wir uns hier installiert haben. Warme Sachen habe alle mit, auch genügend. Decken habe genügend mit was nicht ausreicht kommen die Mäntel darüber. Wir haben uns überhaupt ganz gut installiert. Unser Keller ist warm trotzdem er nass ist. Die Kleider hängen an der Wand und sind nicht mehr so nass wenn man sie herunternimmt. Wir decken sie täglich ein damit sie nicht schimmeln. (Das Gepäck wurde von Mogh.[ilau] per Auto hergeschafft – hat viel gekostet – aber was täten wir ohne die Sachen?) Wir haben schon 1 Pritsche für die Tanten, eine Pritsche für Lena u. Ilka. Die schlafen im ersten Zimmerl (Lehmfussboden) im zweiten Zimmerl das hat einen zerbrochenen Holzfussboden schläft Fritz auch auf einer Pritsche u. Stuk und die Kinder ich u. Silvi am Fussboden. Wir schlafen am Harten denn wir haben die Matratzen und Kolas Duchent [Deckenbezug] unterbettet. Zum zudecken haben wir alle genügend. Wir waschen, bügeln, backen Brot (alles Nötige borgen wir, denn haben nette Nachbarschaft.) kurz wir wirtschaften und sind zufrieden. Die Sachen im Koffer, die Mäntel und Kleider die hängen an der Wand, die Schuh unterm Bett. Unser Mobilar besteht aus 1 Tisch und 3 Sesseln. Ausserdem dienen die Pritschen als Bänke bei Tag. Beleuchtung ist Nafta Lampe wir Nafta bekommen (40 R[ubel] – 1 h.) sonst Kerzen oder Taschenlampen. Wir wissen nicht was für ein Tag ist sage nicht der 1. kommt wir müssen Miete, Steuern Licht etc. bezahlen. Unsere einzige Sorge ist essen u. Holz kaufen. Sogar unser neuester Winkel der
Wohnung trocknet langsam so dass unser Holz fliessendes Wasser in der Wohnung zu haben – bald vorüber ist. Wir haben eine sehr angenehme u. wertvolle Bekanntschaft gemacht, der oft bei uns ist. Das Martha die Gesuche überreicht hat sind wir sehr glücklich. Unser Freud wird seinen Weihnachtsurlaub in Buc.[arest] verbringen und unsere Gesuche an richtiger Stelle übergeben wird. Das Elend ringsum ist furchtbar. Am schrecklichsten sind die Dorohoier dran. Da sind nur die Armen hier: schlafen in offenen zerbrochenen Häusern und täglich sind Tote durch Hunger od.[er] Kälte. Man müssen die Kultusg.[emeinde] Dorohoi schreiben sie solle für ihre Leute Geld schicken. Hieher an Jean er ist Leiter der C[im]p[o]l[un]g. oder Dr. Teich er ist Leiter der Sucean [Suceavar] und die helfen so weit es geht auch denen. Können nicht viel machen da sie ihre Armen unterstützen müssen. Jonas Wagner u. Familie ist hier und lebt von dem ¼ Brot das die Kultusgem.[einde] Ihm gibt. – Seid ihr mir A. in Kontakt, Bei ihm ist das Sackerl das ich zu Jeanys Geburt bekommen habe und die Stückerl v.[om] Mantel und alles Andere dieser Art. Kolas Mantel, Sidis Sachen, Manus Anzug und viel von mir ist bei Karl Kessler. – Wie war [m?]eine Wohnung nach den 2 wöchentl[ichen] Abwesenheit? Hat Kola Holz und alles was sie sich für den Winter vorbereitet hat? Wisst ihr was von den Alten? Wann sind wir wieder alle zusammen? Kinder, ich würde Bände schreiben wenn ich ein Heft hätte. Apropos bitte um Füllfedertine. Und bitte um Sauersalz [Anm. Zitronensäure, oder Weinstein], und Speisesode (Pottasch.) Jetzt kommt noch die Medikamentenliste. Injectionen: Morphium, Kampfer 0.2 [Anm. schmerzstillendes Medikament, oder Salbe], Essigsaure Tonerde [Anm. eine Creme gegen Prellungen und Stauchungen], Tabletten: Aspirin, viel Chinin [Anm. fieberdsenkend], Salicil [Anm. entzündungshemmendes Medikament] Tabletten, Damatol Pulver [Anm. Wundversorgungsmittel], Rubiazol, [Anm. antibakterielles Medikament] Vaselin, Mentol Vaselin.
Beiliegende Zettel übergebt. Hen. Berl hat euch vielleicht ½ Verbindung Flondor helfen.
Sind die Deutschen zu Hause. Neunloti ist hier mit uns. Heute eure Karte v. 16/XI erhalten. Viele viele Küsse und tausend Dank
Hedy
Ich übergebe den Brief heute 6 XII. wann er abgeht ist noch nicht bekannt.
Hat man im Gesuch auch meine Schwester Golda u. Brüder angegeben? Ich erwarte mit Sehnsucht die Antwort der Gesuche. 14 d. L wollen für mich in Mog.[hilau] sein. Wein nicht von wenn soll nicht meinen Brüdern alles mitteilen. Küsse Euch alle Fritz
Liebe Mutter!
Ich bitte Dich oder Lucin, mir einen großen Dienst zu erweisen: Holt mir vom Verwaltungsgericht in Cernăuţi eine beglaubigte Kopie nach der Akte der Kategorie II. Das Gericht war damals in Vatra-Dornei, das Dossier ist beim Gericht. Vielen Dank im Voraus. Wenn Ihr wieder eine Gelegenheit habt, schickt es per Kurier. Ich glaube Hedy hat Euch geschrieben. Wir wohnen zusammen und machen uns gegenseitig Mut – das macht uns das Leben weniger bitter. Wie geht es Cocu, Lucin, Fritzi und allen anderen? Ihr seid noch glückliche Menschen, und Gott gebe, dass Ihr nichts anderes als glücklich seid. In Liebe
Jean
Auch Deine Karte v. 19/ II und Med.[ikamente] habe erhalten. Richte David Schlaffa aus wir haben seine Karte erhalten, Sein Vater ist in Moghilau im Asyl. Konrad Schlaffa ist hier. Ohne Sachen u. zerschlagen angekommen. Schickt uns ein Kalenderl