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5 / XII 1941
Meine Teuern!
Wir erhielten gestern Euren Brief und 2000 Grüsse. Sie sind gerade gekomen. Wir haben uns am selben Tag Geld geliehen. Wir haben bei Liviu 30.000 Lei verlangt das Geld ebenso Mundrins silberne Omega Uhr und mein Feuerzeug – wir haben ihm diese Sachen im Zug übergeben und wenn ihr einen sicheren Boten habet schicket sie. Wenn Ihr eine gute Damenarmbanduhr habet schicket sie auch für mich man kann das hier auch gut verkaufen. Wenn Ihr könnet schicket folgendes: Tee, 1 Tee-Ei, Franck-Kaffee, ich habe noch etwas Bohnenkaffee, Marmelade, Klopapier 2-3 Pakete, einige Stücke Wäscheseife, 1-2 Rasierseifen, gute Rasier-klingen, 2 Herrennachthemden, 1 Nachthemd für mich, Flanellpyjama für Mundrin, der Tata hat seines, eine Flanelljoppe für mich, 1 Schlafsack für mich, warm soll er sein, 1 Paar warme Hausschuhe für mich Nr. 38, 1 guter Pullover für oder Weste für den Tata, 2 Handtücher, 2 Küchenhandtücher, einige Kerzen, Binden, etwas Gries, 3 kleine Überzüge für Kopfpölster. Das wären die dringensten Sachen, die wir benötigen. Jetzt meine Lieben hört wie wir leben. Wir haben ein kleines Zimmerchen – sehr warm – in dem 1 Bett steht – der Tata und ich schlafen darin – zusammengeklopfte Bretter die auf 2 wackligen Kisten stehen, darauf schläft der Mundrin, 1 Spiegelschrank
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Von dem wir aber nur die Schublade haben, sie genügt aber für unsere Sachen, 1 kleiner Blechherd den wir um 170 Rubel gekauft haben und auf dem ich koche und ein winziges Tischchen, mehr hat auch nicht Platz. Zum Glück haben wir unsere zwei Steppdecken, 3 kleine Polster und 3 Plaids, sodaß wir gut schlafen. Wir essen sehr knapp, früh Tee mit Brot – Butter haben wir seid zu Hause nicht mehr gegessen, Mittag Fisolensuppe, oder Kartoffelsuppe, oder echte Suppe, oder Gulasch, süsse Fisolen, Hirse, Kaschagraupen oder Mamaliga und Kartoffel, am Abend auch etwas von diesen Sachen. Sehr satt, wird man davon nicht, aber es geht. Seit Alex uns seine Grüsse angekündigt hat, habe ich für den Tata schon einige Mal [XXX], Milch oder sauere Milch gekauft und auch ½ Kilo Schweinefett. Schicket die Sachen in Kochtöpfen mit Tellern zugedeckt (oder Tiegeln) das ist hier nicht zu bekomen. Ich habe Glück, daß meine Hausfrau nicht koscher ist und mir ein Reindel und Teller borgt. Besteck hat Hedy mir geliehen. Hedy benimmt sich zu uns, wie Ihr Euch das kaum vorstellen könnt. Auch darin haben wir Glück, daß wir sie hier getroffen haben. Mit Rat und Tat steht sie mir bei. Sidel, vielleicht kannst Du von Lieserl ein
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Kleid oder Jacke oder Bluse herschicken. Unsere Hausfrau hat ein 5jähriges Mäderl und ich habe Nichts was ich Ihnen geben könnte. Lucin Du schreib sofort an Bubi Schorr Bucuresti str. Radu Voda 9 Ap. 10 daß seine Mutter schon hier bei Julius mit beiden Tanten ist, sie haben zweimal zu 5000 Lei bekommen, aber das ist Nichts, die Teuerung ist schrecklich. Es steigt von Tag zu Tag. 1 Brot kostet 25 Rubel. Er soll einen größeren Betrag schicken. Ist es wahr, daß er nach Palestina fährt? Wie glücklich wir sind, daß Ihr zu Hause seid, könnt Ihr Euch kaum denken. Ich habe bei Mitzis Mann Einiges gelassen, sollten wir nicht zurückkönnen, behebt sie bei ihr. Warum hört man Nichts von Nuti und Liviu? Sie hat zwei Uhren mit Kette meine Poudrilie, Zigarettendosen, Kamm, Neussain 4 Stoffe – darunter Siderls – Gurprimeé, 1 Paar neue Hausschuhe, meinen Pelz mit Muff, die grüne Wolle, alle Handarbeiten, meine u. Mundrins Kleider u. Wäsche. Er hat ja versprochen uns einen Soldaten mit Sachen u. Lebensmittel zu schicken. Pipis Mann war noch nicht hier. Der Tata am hat am 4. Tag nach unserer Abreise Lysol getrunken, wir haben ihn gerettet, es war ein Wunder! Er war auch erkältet hatte Temp. Bis 40º. Ist aber Gott sei
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Dank gesund nur sehr abgemagert. Klo gibt es hier nicht, daß muß man im Freien verrichten. Wir haben in der Nähe einen Bach und gehen hin, für Tata borge ich täglich bei Hedy den Nachttopf da Tata verrichtet und ich schütte ihn dann aus. Ob Gisa mit Bibi u. Kindern noch in Moghilov oder schon in Vindecana bei der Zuckerfabrik wissen wir nicht, haben schon lange keine Nachricht. Auf jeden Fall waren ihre letzten Zettel verzweifelt, sie sollen auch elend aussehen. Dir Teures Siderl gratuliere ich nochmals zu Deinem Geburtstag, wir haben Euch vor einigen Tagen eine Karte geschrieben – viel viel Glück und Alles Gute! Mary danke ich, daß auch sie sich für uns bemüht. Ich war gestern wieder ganz verzweifelt und hab besagt, daß mir eine Nachricht von Euch mich wieder aufrichten lkönnte und eine Stunde später, bringt Mundrin Euren Brief. Es wäre zu schön, wenn wir wieder von hier hinauskönnten. Wir leben wie die Zigeuner. Gebadet haben wir nicht, seid wir von zu Hause weg sind. Früh leckt man sich das Gesicht und Hände ab und das heißt waschen. Gestern am Abend um 7 ½ Uhr, ist der Tata vor
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die Tür gegangen um ein Schüssel auszuschütten. Zwei Soldaten haben ihn erwischt und weggezogen, sodaß er gefallen ist. Die Hausfrau komt herein und sagt mir das. Mit den nassen Haaren laufe ich hinaus – ich habe mir zu ersten Mail, seid wir weg sind die Haare gewaschen – der Tata liegt am Boden und ich beginne laut um Hilfe zu schreien, mich haben die Soldaten weggejagt aber auf mein Schreiben ist Hedy, Fritz, Jean, Mundrin, Julius und der alte Tarter hinausgekomen! Da haben Sie den Tata gelassen und wollten Mundrin mitnehmen. Nach einigem pailanventieren sind sie weg. Ist etwas an der Triere? Warum ist Pipis Mann verletzt? Ist Liviu in Suceave geblieben? Mitzi soll mir schreiben, was es zu Hause gibt. Mitzi ist dem Tata 6000 Lei schuldig, sie soll sie Euch schicken, damit Ihr sie uns schickt. Sollte Nuti aus Suceave weggehen, soll Mitzi die Kleider Wäsche, Teppiche, Kristalle und Service, Vorrate an sich nehmen. Wird Eugen was machen können. Es wäre dringend hinauszukomen! Ich hab gewusst, daß diese Sache in Lucins
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Händen gut aufgehoben ist. Es gehört viel Energie dazu. Aber tut Allen, denn auf die Dauer, ist es nicht zu ertragen! Schreib an Bubi er soll auch versuchen Julius und seine Mutter herauszunehmen. Ich habe Sehnsucht nach Euch und wär glücklich, wenn wir uns bald sehen könnten. Unser Gepäck haben wir ganz verloren bis auf das was wir tragen und einige Kleinigkeiten. Tatas Anzug ist ziemlich zerrissen, wird aber noch paar Monate aushalten und bis dahin hoffe ich sind wir zu Hause. Seid innigst geküßt meine Liebsten von Sidi
Lieber Lucin.
Ich bin mit meiner Mutter und meinen beiden Tanten hier in Sargorod, ohne Mittel sind ohne Kleider, Schuhe und Wäsche; Bubi hat der Mutter wohl zwei mal a 5000 Lei geschickt, wovon sie 5000 auf die Reise Mohilev – Sargorod ausgegeben hat, sodaß wir hier dem Hunger preisgegeben sind, wenn Bubi uns nicht sehr bald etwas schickt. Ich bitte Dich sehr darum gleich an Bubi (Siegfried Schorr, Buc. Radau Voda 9, Apart 10) zu schreiben, damit er uns umgehend und ausgiebiger zu Hilfe kommt. Auch ein paar Schuhe und Strümpfe (es können alte sein) soll er – wenn möglich – schicken. Herzlichst Dein Julius
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Meine Lieben, Theuren!
Ihr könnt Euch gar nicht wie wir uns mit Eurer Sendung *) Brief gefreut haben. Nur Eure Liebe gibt uns Kraft alles auszuhalten. Ich verdiene nichts, wir sind 12 -14 Ärzte bei 4.000 Einwohnern, darunter die Hälfte Bettler. Ich lesen den ganzen Tag hebräisch, gehe etwas spazieren u. hoffe auf Gott. Mit herzlichen Grüßen u. Küssen Euer Tata Benj