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F-1061, inventar 1, dosar 2, 162 - de

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

I.
Sargorod, 5./ XII. 1941
Liebster Lucin!
Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns mit Deinem Brief vom 19./XI. gefreut haben. Wir hatten keinen Heller mehr und war ich schon gezwungen mir bei Jean Bercovici Geld zu leihen. Gestern kamen Dein Brief und die 2000 Grüsse, gerade im Augenblick als ich Jean´s Geld (Lei) wechseln wollte. Jetzt sind wir wenigstens für ungefähr 3 Wochen versorgt. Das Leihen von Geld ist eine sehr unangenehme Sache, da ja die anderen ebenfalls nicht sehr reichlich mit Geldmitteln versehen sind. – In welchem Elend wir hier leben, ist wirklich unvorstellbar, ebenso was wir im Laufe eines ganzen Monates, bis wir und hierher durchgeschlagen haben, mitmachen mussten. Hier in Sargorod, 45 km von Moghilau (Mohilev) entfernt, befindet sich ein grosser Teil der Suczawaer mit Dr. Teich und Kimpolunger, die mir dem 3. Transport gekommen sind. Wir gehörten zum 2. Transport und sind infolge eines, schrecklichen Missgeschickes von Moghilau aus in eine andere Richtung getrieben worden. Bei dieser Gelegenheit ging unser gesamtes Gepäck bis auf einige Kleinigkeiten verloren. Da wir gezwun-

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II.
gen waren unsere Lei zu 40 für 1 Rubel einzuwechseln und die Teuerung hier phantastisch ist, waren wir mit Geld sehr schwach versorgt. Anfangs haben wir für 1 Brot bis 35 Rubel d.h. 1400 Lei bezahlt. Wenn nicht Bubi durch einen glücklichen Zufall Sidi´s Lederranzen in Moghilau gefunden hätte und wenn er ihn nicht für 1000 Rubel verkauft hätte, wären wir schon längst ohne Geld gewesen. So ist es uns bei allergrösster Sparsamkeit gelungen bis gestern, als Deine Grüsse kamen, auszukommen. Wir haben aber regelrecht gehungert. Brot, Kartoffeln und Fisolen waren unsere Nahrung. Keine Butter, keine Milch und keine Eier. Heute kostet Brot 25 Rubel (es war schon bis auf 17 R gefallen), ein Pud (16 kg) Kartoffel 50 R[ubel], 1 kg Zucker 60 R[ubel], 1 Pud Holz 25 R[ubel], 1 kg Fleisch 18 R[ubel], 1 kg Bohnen 10 R[ubel], 1 l Milch 12 R[ubel] etc. etc. etc. Die Teuerung steigt von Tag zu Tag. Als wir hierher kamen, war Alles um die Hälfte des Preises zu haben. Um sich nur halbwegs am Leben zu erhalten, benötigt man täglich 70 Rubel als Existenzminimum. Infolge Verlusts unseres Gepäcks haben wir nichts zu verkaufen. Ich selbst habe das Paar Unterhosen, in dem ich aus Suceava wegfuhr einen Monat, d.h. bis wir Sargorod kamen, ununterbrochen ge-

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III.
tragen. Erst hier schenkte mir Dr. Schapira ein zweites Paar. Im Übrigen sind wir alle einen Monat lang nicht aus den Kleidern gekommen und haben auf Lehmfussboden und in Ställen geschlafen. Die Gruppe Suczawer mit Dr. Teich erging es viel besser als uns, weil sie aus Moghilau direkt hierher kam und im Allgemeinen das Gepäck nicht verloren hatte. Was wir Alles auf dem Wege hierher erlebt und erlitten haben, lässt sich nicht beschreiben. Gotte gebe, dass ich es Dir in Freuden soll erzählen können. In einem kleinen Flecken Ozarinetz, 12 km von Moghi-lau – unsere erste Haltestelle – machte der Vater einen Selbstmordversuch. Er trank ein Fläschchen Lysol von 200 gr[amm]. Ein Wunder Gottes war es, dass wir ihn retten konnten und dass er eine Infektion mit Fieber bis 40º als Folge der Verbrennungen ohne ärztlichen Beistand und ohne Medikamente überstehen konnte. Heute ist er wieder hergestellt und fühlt sich wohl, ist aber noch schwach. – Das wir stark verlaust waren und es heute noch sind (grosse weise Kleiderläuse), ist unter den gegebenen Verhältnissen selbstverständlich. Wie hatten noch Glück mit einem Zimmer, das uns Hedi in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft verschafft hat. Es ist so klein, dass man sich darin

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IV.
kaum bewegen kann, dafür aber sehr warm und aunsnahmsweise trocken. Denn in den meisten anderen Häusern (alle Wohnungen befinden sich in einem fürchterlich vernachlässigten Zustand und keine ist seit dem Jahre 1914 repariert worden) rinnt das Wasser von den Wänden. Sargorod hatte bis jetzt circa 2000 Einwohner, hauptsächlich Juden. Heute sind noch über 4000 Evakuierte hinzugekommen. Man lebt daher, da viele Zimmer überhaupt nicht bewohnbar sind, zusammengepfercht bis zu 20 Personen in einem Raume. Wir wohnen allein, nur auf dem freien Platz, der noch übrig gebliebene ist, schläft Julius auf dem Fussboden. Seine Mutter, Tante Klara und Tante Mieser wohnen mit anderen 12 Evakuierten in einem anderen Haus und schlafen teils auf einem Tisch, teils auf Brettern ohne Bettzeug. – Bubi hat zweimal je 5000 Lei geschickt. Natürlich ist dies viel zu wenig. Julius was die längste Zeit von seiner Mutter und Tante Mieser getrennt. Er wurde mit uns getrieben, während sie im Moghilau zurückgeblieben war. In der Nacht wurden sie auseinandergerissen und erfuhr erst später, dass sie in Moghilau bei Frau Weingarten Aufnahme gefunden hatten. Natürlich ging auch ihr Gepäck verloren. Ihre Fahrt hierher kostete sie 5000 Lei (die erste Sendung des Bubi): Bitte schreib

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V.
an Bubi (Siegfried Schorr, Bururesti V; Strad Radu Voda No. 9, Apartamentul 10), unter welchen Verhältnissen die Leute hier leben und das er ausgiebig helfen soll. Bitte, erwähn auch, dass sie 2 mal je 5000 Lei erhalten haben, damit er sieht, dass auf dem von gewählten Wege das Geld ankommt. Julius verkauft Zünder, Zigaretten und Brot auf dem Marktplatz, um paar Rubel zu verdienen.
Der Rubel war hier die längste Zeit 10 Lei. Dann ist er auf 12 Lei gestiegen, dann wieder stark gefallen und notiert heute 7 Lei.
Der Weg, den Du gewählt hast ist sehr verlässlich. Es wurde uns bloss eine Provision von 3 ½ % abgezogen. Die ist sehr wenig, da man oft bis zu 15% abzieht.
Bitte schreib uns, ob Liviu und Nutzi in Suceava sind. Sie haben alle unsere Wertsachen, ausser der gelben Vase, die bei Mitzi Jurim ist. Bei Nutzi sind bloss meine und Vater´s goldene Uhr, meine Silber Omega-Uhr, 2 silberne Zigarettendosen. Im Zug habe ich dem Liviu in Sidi´s Gegenwart 3000 Lei übergeben u. zw.[ar] zur Aufbewahrung, da es hiess, dass man nur einen bestimmten Betrag mitnehmen darf. Bitte, schreib ihm, dass er Dir das Geld schickt, ebenso ist Mizzi Jurim uns 6000 Lei

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VI.
schuldig. Bitte, schreib auch ihr, dass sie uns durch Dich das Geld schickt. Die gelbe Vase der Sidi ist bei ihr unter den gegebenen Verhältnissen am sichersten. Von Pipi´s Mann haben wir nichts gehört. Rabuita ist von hier 150 km entfernt. Da die Wege sehr schlecht sind, habe ich wenig Hoffnung, dass er uns besuchen wird. – Was kosten Dich die 2000 Grüsse? Schreib uns darüber. Hier hält man Lei für das Sicherste. Ich glaube dass es am besten wäre, wenn Du die 3000 von Liviu uns die 6000 von Mitzi in Lei schicken würdest. Man spricht hier sehr stark von einer Einlösung 1:1. So erklärt man auch den plötzlichen Rückgang des Rubel.
Du dürftest vielleicht gehört haben, dass Einzelaktionen gelingen. So wurde die Familie Jakob Beiner über Intervention des Popp nach S.[uceava] repatriiert, ebenso Professor Hauslich aus Dorna [Vatra], eine Familie Tanner aus Kimpolung etc. Vorgestern traf auch ein Auftrag ein auf Repatriierung der Frau Hermine Barber aus Suceava. Da Sigi Barber kein Geld hat – Du weisst, er lebt sein einiger Zeit in Bukarest – so vermute ich, dass er Protektion hatte. Seine Mutter lebt aber nicht hier und weiss ich nicht, ob man sie ausfindig gemacht hat. – Dich bitte ich an Sigi Barber zu schreiben und ihn zu fragen,

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VII.
wie er die Repatriierung seiner Mutter durchgesetzt hat. Seine letzte mir bekannte Adresse lautet: Siegfried Barber, Bucuresti V., Str. Cuza Voda No. 11 bei Grünberg, Ich bin aber wegen der Hausnummer nicht sicher und bitte Dich separat einen zweiten Brief an Bubi Schorr zu senden. Die wohnne in unmittelbarer Nähe. Doppelt hält besser. –
Seit Wochen spricht man hier von einer „Triere“ d.h. dass man Handwerker, Techniker, Ärzte etc. aus der Südbukowina repatriieren wird. Diese Nachricht stammt von Dr. Kalman Tarter, Bucuresti, Bulevardul Schitu Magureanu No. 3 an Dr. Teich. Auch andere Bukarester schreiben darüber. Es gibt dort ein Komitee in dem auch Dr. Tarter ist, dass darauf hinarbeitet. Der Vater als Arzt hätte also ein Anrecht auf Rückkehr. Bitter interessiere Dich auch deswegen. –
Sidi bittet Dich um eine elektrische Taschenlampe mit 2 Batterien. Hier fehlt es einfach an Allem. Ein Kochtopf, ein Wasserglas, eine Flasche und sonst alle Industrieartikel sind unerschwingliche Güter. Dass eine Stadt wie Sargorod keine Klosette hat, gibt das beste Bild von dem Leben, dass die Leute hier geführt haben und dass wir heute führen. Alles wir auf der Strasse besorgt. Nun ist unsere rum.[änische] Verwaltung eingeschritten und

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VIII.
muss man jetzt im Winter bis zu einem Bach gehen. Man zieht sich alle möglichen Erkältungen zu.

Liebster Lucin!
Unsere einzige Hoffnung bist Du und Deine bekannte Energie. Denn auf die Dauer ist dies Leben nicht zu ertragen. Für den hiesigen, sehr strengen Winter sind wir nicht entsprechend ausgerüstet. Ich habe ein Paar Bocaucen. Falls die zerreissen, gibt es keinen Ersatz. Schneeschuhe und Galoschen gingen uns verloren. Zum Glück hat der Vater noch die seinigen. Ich habe bloss ein paar zerrissene Lederhandschuhe u.s.w. u.s.w.
Hedi benimmt sich zu uns wie ein Engel. Ich weiss nicht, was wir ohne sie gemacht hätten. Vielleicht gelingt die Repartiierung von Fritz zuerst. Er ist Frontkämpfer von 1941 und war in dieser Gegend im Juli als Medic-Sublocotenent [Militärarzt]
Ich mache endlich Schluss und küsse Euch Beide vielmals.
Dein Mundrin

P.S. Bibi soll nach Vindiceni gehen, das 20km von Moghilau entfernt ist. Dort befindet sich eine Zuckerfabrik, wo eine Gruppe Itzkanier mit Katz und Ing. Horowitz untergebracht werden soll. Bis jetzt ist die Angelegenheit noch nicht geregelt und sie sind noch in Moghliau. Heute habe ich von Bibi die Nachricht, dass sie Post von Franzi vom 25./XI und von Ricca haben. – Viele Küsse Mundrin

pentru [durch/über] Suceava

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