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F-1061, inventar 1, dosar 2, 1-4 - de

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

30/ХІ.
Meine Lieben!
Ich will es versuchen, so weit die steifen Finger es gestatten, Euch zusammenhängende, ausführliche Nachrichten zukommen zulassen. Unsere Lage hat sich hier insoferne gebessert, als wir einige Aussichten haben in diesem Orte, in dem wir uns befinden, vorläufig zu verbleiben und nicht weiter getrieben zu werden. Die Leute, die diese Aussichten nicht haben, sind vor Angst weiter getrieben zu werden, ganz wahnsinnig. Gebe nur Gott, daß sich unsere Hoffnung erfüllt, denn ein weiteres Treiben würde den sicheren und noch dazu langsamen und qualvollen Tod durch Hunger, Ermattung und Erfrieren bedeuten. Die Bilder, die man täglich sieht, werden wohl mit feurigem Griffel im Gedächtnis der Überlebenden fürs ganze Leben verbleiben. Das Genie des von Gott begnadigsten Dichters und Schriftstellers würde schwerlich hinreichen, um auch nur ein blasses, der Realität entfernt ähnliches Bild des Jammers und Ellends entwerfen zu können. Menschen aus den angesehensten socialen Stellungen, Leute aus den besten materiellen Verhältnissen, strecken vor Hunger und Kälte entkräftet und geschwollen, ihre Hände flehend um ein Almosen aus. Von den vielen Ungezählten und Namenlosen die auf diesem Leidensweg schon geblieben sind und täglich, in wachsender Zahl liegen bleiben, will ich nicht reden. Nur mit namenlosem Grauen schaut man auf die Menschen, die auf ihren Bündeln hockend, Säuglinge und kleine Kinder eng an sich drückend, die Nächte in den zerstörten, fensterlosen Häusern verbringen, um am nächsten Morgen in den grausigen Frost weiter getrieben zu werden. Dantes berühmte Schilderung der Hölle ist ein Abklatsch der schrecklichen Wirklichkeit. Wir haben ein selbverständlich nur relativ gutes Zimmer in das wir uns ein kleines Öfenchen aus Blech (200 Rubel – 8000 Lei) hineingestellt haben. So lange man heizt, ist es im Zimmer halbwegs erträglich und Toncia hat überdies den Vorteil, daß sie beim Kochen sich nicht die Lunge beim ungewohnten "Pripeczik" [Ofen] ausblasen muß. Zum Glück, hat Toncia noch am Bahnhof der Heimatstadt die Erlaubnis erwirkt, in die Stadt zurückzufahren und sich Bettzeug zu holen. Von diesem Bettzeug haben wir nichts verloren, so daß wir reichlich Bettzeug haben und wenigstens des Nachts, uns gut erwärmen können. Der Tata hat eine Duchent von unten und eine von oben, so daß er sich die alten Knochen erquickt. Die Nacht ist unendlich lang. Schon bei Anbruch der Dunkelheit wagt man sich nicht auf die Gasse, da wird das "Kainzl" [Watte in ein bisschen Öl], oder, wenn man so glücklich ist ein bischen Nafta zu erhaschen, eine alte Küchenlampe, selbstverständlich ohne Glas und Zündvorrichtung, angezündet, das Feuer im Blechöfenchen angefacht, der Abendtee gekocht und dann geht es ins improvisierte Bett. Selbstverständlich können wir den Ofen nur heizen, wenn Toncia etwas kochen muß da wir es uns nicht leisten können, ihn nur der Wärme wegen zu heizen. Vorläufig geht es ja noch, schlecht und recht, doch weiß ich nicht wie es werden soll, wenn die wirklichen Fröste von 40º und mehr und die Schneestürme, wie sie die Einheimischen schildern, einsetzen werden. Doch hoffen wir, daß wir bis dahin zu Hause sind! Toncia und der Alte jammern und stöhnen den ganzen Tag und können sich nicht einfinden. Ich bin anpassungsfähiger, schaue nach unten, also auf die Unglücklichen, die schon jetzt nichts zu essen und kein Obdach haben und danke Gott, daß Frau und Kind nicht hungern und relativ weniger frieren. Am leichsten paßt sich, naturgemäß das Kind an: im Spiele mit anderen Kindern kann sie sogar lachen und singen. Eben ein Kind, das sich seiner fürchterlichen Lage überhaupt nicht bewußt ist. Trotzdem sieht sie sehr schlecht aus und alle Kleidchen sind ihr groß und hängen an ihr. Sie leidet schrecklich an Langweile und entbehrt.

6/XII 41.
Meine Lieben!
Ich wollte Euch ausführlich einige Episoden unseres Lebens schildern, denn solche Episoden beleuchten die Lage viel klarer, als es die eingehendste Schilderung vermag. Ich wurde am Schreiben damals gehindert, habe Euch inzwischen ein kurzes Briefchen und einen Brief an Carmi geschickt und fahre jetzt mit der gemütlichen Schilderung der hiesigen Verhältnisse nicht mehr fort, da in der Zwischenzeit so wichtige Nachrichten gekommen sind auf die ich reagieren und die ich Euch beantworten muß. An Geld haben wir bis heute folgende Summen erhalten: 50000 Mil + 2800 Sonins +1500 Son +10000 Son + 2500 Son, also zusammen 50000 Mil und 16800 Sonins. Vom Rat aus Moh. erhielt ich eines Tages ein Schreiben in dem er mir unter A. mitteilte, er werde mir von den erhaltenen Lebensmitteln und Mesimen "vereinbarungsgemäß" die Hälfte schicken und ich möge "einen Teil" der Frau Nagler, also Meschulims Verwandten geben. Wie groß dieser "Teil" sein soll, schrieb er nicht. Ebenso teilte uns Frau Nagler mit,

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sie habe von ihrem Schwager den Auftrag erhalten sich an uns zu wenden um Geld zu erhalten. Da ich keinen direkten Auftrag von Dir hatte, habe ich ihr von den obigen Summen nichts gegeben – sie hat auch nichts verlangt. Mit der letzten Sammelsendung hat sie 8000 Sonins bekommen, die ich ihr selbstverständlich anstandslos ausfolgte. Ausnahmslos alle Summen wurden gemäß der Liste der Berechtigten ausgefolgt, so daß von diesen Summen – außer dem für uns bestimmten Beträgen – nicht bei uns verblieb. Der Mann der direkt bei mir war und dann zu Euch gekommen ist, war in der Folge wieder bei uns, überbrachte uns ein Schreiben und teilte uns mit, er habe 2 Kisten für uns, die er in 2-3 Tagen bringen werde. Seither ist mehr als eine Woche verstrichen und er zeigte sich nicht wieder. Ich fürchte sehr sehr, daß diese Sachen verloren sind. Toncia will die Behörden anrufen, doch hatte ich sie noch vorläufig davon zurück. Auch Euer erstes, im letzten Briefe erwähnte Packet haben wir nicht erhalten. Von der Carmi haben wir 10 000 Mil und ein Packet erhalten. Auch dieses Packet liegt noch in Mohi und konnte bis jetzt nicht geholt werden. Heute kann Dein Brief von 2 /XII, wie eine Bombe. An eine solche Lösung des Problems haben wir auch nicht in Traume gedacht. Ich glaube alles legal machen zu können und lebe noch vor einem solchen Abenteuer zurück. Es entspricht nicht meinem Geschmacke und würde an dem gleichen Tage in diesem kleinen Städchen, in dem beinahe alle Leute des Heimatsortes versammelt sind, am gleichen Tage ungeheuren Staub aufwirbeln. Der Brief wurde uns privat übergeben und hat sich Dein Vertrauensmann noch nicht gemeldet. Ich glaube, daß der Tata ohne weiters auf Deinen Vorschlag eingehen könnte. Dieses würde weder hier, noch an Bestimmungsorte auffallen. Ganz anders verhällt es sich mit der ganzen Familie. Jedenfalls sind wir noch nicht einig und besprechen und beraten eifrig Deinen Vorschlag. Ich wiederhole, daß der Brief uns hier nicht von Deinen Vertrauensmann, sondern vom gewöhnlichen Kurier, der die Vermittlung zwischen Moh. und hier besorgt, übergeben wurde. Vom Hörensagen weiß ich, daß diesem Kurier noch ein Zettel für mich mitgegeben wurde; der Kurier hat diesen Zettel verloren. Ich weiß nicht wer dem Kurier den Brief und wer ihm den Zettel übergeben hat. Der Kurier sagte mir nur, daß ein gewisser Laufer bei ihm 100 Lei für den Boten der den Brief nach Moh. gebracht hat, verlangt habe. Der Bote hatte viele Briefe und der Lohn wurde proportionell auf die Adressaten aufgeteilt. Jetzt weiß ich nicht, ob dieser Bote mit Deinem Mann identisch ist, oder nicht. Deine Nachricht, daß Pop sich anständig benommen hat, war für uns, wie Ihr es Euch leicht vorstellen werdet, eine wahre Freudenbotschaft. Hat Carmi auch Details geschildert? Hat sie auch alle Medikamente? Also Agathosan und Karillen? Carmis Begleiter ist als Hüter der Wohnung in der Wohnung geblieben. Da er sich selbst erbötig machte in der Wohnung zu bleiben und versicherte, daß nichts aus der Wohnung fehlen wird, haben wir viele kostbare Krystale und eine ungeheure Menge von Sachen in

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II.
der Wohnung gelassen. Bitte, ersuche ihm nochmals auf die Sachen gut aufzupassen, damit uns nichts fehle. Im Hofraume des Hauses waren 6000 kg ungeschnittenes Holz und in der Kammer mehr als eine Klafter geschnittenes Holz geblieben. Frage ihn, was mit dem Holz geschehen ist. Wenn du glaubst, daß unsere Rückkehr nur eine Frage von Wochen ist und wenn er in unserer Wohnung tatsächlich wohnt und auf das Holz aufpasst (was ich sehr bezweifle, da er schon eine sehr elegante Wohnung hatte und ich jetzt einsehe, daß sein Vorschlag in unsere Wohnung zu ziehen, ein vorbedachter Betrug war), dann wäre ich dafür, daß das Holz nicht verkauft werde, anderenfalls müßte es verkauft werden. Ich überlasse es Dir die seinen Antworten und Auskünften angemessenen Dispositionen zu treffen. In der Mehlkiste auf dem Boden – Aufstieg haben wir circa 150 kg Weizenmehl, Kornmehl etc. etc und eine andere kleinere Kiste voll mit Kolonial-Waren zurückgelassen. Frage ihn, was mit dem Mehl und dieser Kiste ist. Meiner Ansicht nach sollte das Mehl nicht verkauft werden. Ich glaube, daß Du schon den richtigen Ton für die Unterhaltung mit ihm finden wirst. Eben erhalten wir ein Packet von Euch, das Lebkuchen, Käse, Medikamente, Zahnbürste etc. enthält. Du kannst Dir kaum vorstellen wie sehr wir uns mit dem Packet freuen. Selbständlich ist es nicht der Wert der Sachen, die der Tata abtaxiert, der uns freut, sondern das Zeichen der Liebe und die Sorgfalt mit der die Sachen zusammengestellt sind. Das Packet ist laut Inhaltsverzeichnis komplett. Es ist wirklich unglaublich, daß Du uns einen Teil der Dinge geschickt hast, um die wir Dich bitten wollten wie z.B. Aspirin, Zahnbürste (im verlorenen Rucksack hatten wir 9 Zahnbürsten), Papier, Conwerts etc. Wir danken Dir vom Herzen und danken der Mama für den feinen Lebkuchen und die Mühe, die sie auf ihn werwendet hat. Falls sich unsere Heimkehr verzögern sollte, richte ich, da gerade von Packeten die Rede ist, einen Wunschzettel für das nächste Packet zusammenstellen u. zwar:
1. Vor allem Lehrbücher der IV. Volksschulklasse für die Hertuca. Wenn schon nicht alle Bücher, so doch mindestens das Lesebuch, das Rechenbuch und die Sprach-Lehre. Es tut mir das Herz wehe zu sehen, daß das arme Kind nicht nur körperlich und seelich, sondern auch geistig verkommt. Wenn die Bücher da sind, werde ich den Blechofen für einige Stunden des Tages so heizen, daß das Kind auch schreiben kann, mag der Tata über die Geldausgabe brummen so viel er will. Wenn Ihr dem Kinde eine große, große Freude bereiten wollet, dann packet einige rumänische Bücher zum Lesen für Kinder ihres Alters bei. Das Lesen der Bücher war ihre größte Freude und jetzt hat sie noch keine Zeile gelesen, seit wir die Heimat verlassen haben.
2. Ein Fläschen Füllfeder-Tinte;
3. Zwei Email-Kochtöpfe sammt Sturz (Deckel) a 1 Liter, eine Milchreine von 1 Liter und 4 Kaffetöpfe aus Email oder Porzellan

[am linken Rand quer] das bitte teile Dr. Max Fränkel st Cogalniceanu 12 mit, daß seine Nichte Mella sich hier befindet. Hebe einen großen Teil Deiner Spesen bei den einzelnen Adressaten, insbes bei Morgenstern ein. erstere wäre, glaube ich, vorzuziehen.

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Wir haben nicht ein einziges Kochgeschirr mitgenommen und unser ganzer Besitz besteht aus einem Topf aus nicht glasiertem rohem Lehm, den wir hier gekauft haben. Andere Dinge sind hier nicht zu haben. Es ist klar, daß diese Sachen nicht neu sein sollen. Eine Sammlung aus dem ausrangierten Kochgeschirr, veranstaltet bei der Mama und den Geschwistern würde die drei J[...] Anzahl des Geschirrs ergeben, das wir hier so sehr entbehren. Bitte, schicket auch einen Wasser-Kochen (circa 1 Liter) aus Email zum Aufkochen des Tee-Wassers.
4. Einen Damen-Frisier-Kamm und wenn möglich eine Haar-Bürste aus Draht (alles beim Übergang über den Dniester verloren, so daß unser gemeinsamer Besitz aus einem kleinen zerbrochenen Heerenkamm besteht, der sich zufällig in der Tasche fand).
5. Einige Päckchen Haarnadeln.
6. Ein Fläschchen Brilliantin, oder ein anderes Haaröl (Toncia und Herta müssen sich das Haar nur mit Nafta fetten, und nur wenn diese Nafta zu haben ist).
7. 2 Schachtel braune Schuh-Pasta und eine Schuh-Bürste zum Glänzen sowie eine Kot-Schuh-Bürste (alles mit den Rucksäcken verloren).
8. Eine Nagel-Bürste für Toncia.
9. Zwei oder drei warme Hosen für Toncia, also Damen-Hosen.
10. Braune und graue Stopf-Wolle.
11. 3 Ersatz-Struppen für Hosen-Träger, wenn möglich aus Leder in Ermangelung solcher, aus Gummi.
12. 15-20 Schachtel Nationale-Zigaretten a 15 Lei die Schachtel, die der Tata für sich und für unseren Hausherrn benötigt.
13. Ein ganz kleines Fläschchen Schreib-Tinte und einige Schreibfedern, damit ich mit der Herta auch Kalligraphie nehmen kann.
14. Einige Medikamente und zwar: a) ein größeres Fläschchen mit Baldrian-Tropfen, die ich för Toncia dringend benötige, b) eine größere Portion Tier-Kohle, c) ein Fläschchen "Laktobyl" für Toncia, d) ein gutes Schlafmittel.
15. Ein Gummi-Thermoterr (Wärme-Flasche) für Toncias und Hertas eiskalt gewordene Füße.
16. Gelbe und schwarze Schuhbandel.

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17. 2 Packete Klosettpapier (Lachet nicht und haltet uns nicht für unbescheiden, aber seit wir die Heimat verlassen haben, hatten wir keine Zeitung mehr und da wir uns die Gewohnheiten der Einheimischen noch nicht angeeignet haben, ist es eine Lebensfrage). Toncia hat Carmis Begleiter Deinen Lederranzen gegeben in den sie 12 Paar neue Seidenstrümpfe, Kleider, neue Überschuhe etc. etc. getan hat. Er versprach ihr deinen Ranzen noch in derselben Woche der Carmi zu überbringen, während ich von der Letzteren die Nachricht erhielt, daß sie nichts, absolut nichts bekommen habe. Bitte intervaniere Dich, was mit diesem Ranzen geworden. Ich ersuche Dich die beiliegenden Schreiben fn die Adressen gelangen zu lassen. Der Brief an Morgenstern hat eine ungeheure Fülle, daher kassiere die Hälfte aller Kosten bei diesen Leuten ein. Bitte schreibe dem Dr. Kissel Suceava, daß seine Angehörigen bis nun keinerlei Nachrichten erhalten haben; er möge seine Post über Cernăuţi oder Bucureşti leiten. Ich wollte Euch noch so viel, so viel schreiben, da kommt Frau Nagler und drängt darauf sofort zu schließen, da ihr Schwager gerade jetzt nach Moh. fährt und ich diese Gelegenheit nicht außer Acht lassen soll. Ich verweigere, Toncia drängt darauf und ich muß nachgeben. Also schließe ich. Ich würde Dich noch sehr sehr bitten beim Josef ein kleines Packet mit Medikamenten, die sehr gangbar sind für mich zu besorgen. Ich könnte mindestens die Hälfte dessen in Sonin verdienen was er uns Lei für mich ausgegeben hat und würde auf diese Weise nicht nur auf Kosten der Familie meiner Frau leben.
Bei uns rasseln Sonins beinahe ganz. Sie waren heute schon 6. Ich küße dich die l. Mama und die übrigen Angehörigen Euer [Unterschrift]

Mein Teuerer Bruder!
Ich habe einen einzigen Wunsch vorläufig; ich will lebendig oder tot von hier herauskommen. Und dabei betone ich es dir, daß es Menschen hier gibt, denen es neben mehrmal schlechter geht u. daß wir zu den Beneidenswerten gehören. Ich versterbe seelisch u. geistig, die Umgebung ist kulturwidrig; ich weiß wir alle hier sind bei den bescheidensten Ansprüchen um 2000 zurückgeschleudert. Ich behaupte Dir es wiederholt, daß die Huzulenbehausungen und ihre Ausstaltung innen u. außen bei Seletin – Paläste im Vergleich zur diesen hier waren. Ich habe nicht viel, ja sogar sehr wenig Glück in meinem Leben gehabt (im übrigen habe ich es wenigstens nun mehr so empfunden ich will heute nicht so weil zurückgreifen, daß sich keiner meiner Mädchenträume erfüllt hat). Doch daß ich in eine solche Misere geraten habe ich mir kaum vorstellen können. Vielleicht wirst Du Dir doch mit Recht sagen, daß ich nicht die einzige u. auch nicht die Beste hier bin; doch ist mir so ein Leben nicht lebenswert u. ich würde es mit Vergnügen von mir werfen, wenn nur nicht die armen Kinder im Spiele wären. Doch eben deshalb mache Dir keine Sorgen denn ich müße vorläufig noch ihretwegen durchhalten. Das Wirtschaften mit dem Tata ist auch kein Sonntagsvergnügen; oft habe ich im Stillen der Mama schon Abbitte geleistet, obwohl wir auch ehrerseits glaube ich, (vielleicht tue ich auch das Unrecht) ihr es zu verdanken haben, daß wir voneinander getrennt u. hier sind. Dein Plan würde mich begeistern, wenn ich nicht das Kind mithätte. Trotzdem will ich wenn es nicht anders geht darauf eingehen; schließlich hat man uns ein Leben zu verlieren u. da wir meiner Ansicht nach hier früher oder später es so w. bringen müssen (die anderen werden schon dafür sorgen) so wagt man den Sprung so oder so – das Risiko ist nicht mehr groß! Ich will gar nicht daß Du noch etwas herschickst, hilf mir nur heraus. Ist es richtig, daß sich bei u. in Kodiecere Heimatstadt die Verhältnisse verschärft haben? Statt aller Geschäft trachte, daß wenigstens Ihr alle [...] besuchet. Ich konstatiere, daß unsere Volkskrankheit mindestens noch zwei Jahre sich ziehen kann. Wir wollen u. können wir es aus u. durchhalten. Deine jüngere Schwester soll an meiner Krankheit lernen u. rechtzeitig die Ärzte aufsuchen, alles in Medikamente verwandeln u. dem Krebs im Anfangsstadium kurieren. Ich habe die Anhänglichkeit an den Plunder u. die Wecktigel mit dem größten Teil meiner Kraft, der Lebensfreude u. dem letzten Rest der Nerven bezahlt. Rette auch die Carmi – ehe es zu spät ist. Schreibe mir deutlich was Carmi von ihrem Verehrer

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P. erhalten hat. Ich möchte die Geschenke von Dir mit Umsicht verkauft wissen u. Deine älteste Nichte versorgt u. gut ausgestattet in Erez wissen. Beim Tautu habe ich außer der 250000 Mill noch 65 Agetho. Ich habe dann ihn einen großen Teil meiner Sachen in der Wohnung gelassen, die ich fabelhaft hatte placieren können u. die jetzt wahrscheinlich verloren oder von ihm ausgebeutel wurden. Bitte halte es ihm vor, daß er mir sein Ehrenwort gegeben hat für die Carmi wie ein Vater zu sorgen u. auch mir zu helfen u. jetzt will er noch das ihm Anvertraute abstecken. Ich kann Dir von hier nicht raten welchen Ton Du vor allem anwenden sollst – berate u. bedrucke ihn mit einflußreichen Bekannten, die er furchtet – bedrohe ihn eventuell- im Übrigen wirst Du es dort am Besten wissen; doch schenke ihm keinen Bani, auch wenn ihn der Schlag trifft!!! Frage ihn was in u. mit den in der Wohnung gebliebenen Sachen geschehen ist etc. etc. Halte mich am Laufenden, wenn es mir Gote behufs nicht gelingen sollte, Dich bald zu sehen, er soll unbedingt Deinen Ranzen mit dem Zipfverschluß, den Du der Carmi geschenkt hast mit den Sachen (die der David schon angegeben hat) es sind unter anderen Seidenstrümpfe die heute bestimmt 1000 Lei das Paar kostet. Dieses Dutzend Strümpfe habe ich mir für die Carmi abgekargt u. habe mir nicht gegönnt auch mir ein Paar anzuziehen, damit das Kind sie nach dem Kriege hat, wenn man eventuell keine bekommen wird und sie schon erwachsen sein wird. Wie Du siehst war deine Schwester in Allem u. Jedem nicht einfach sondern vielfach blöd u. die kluge Else hatte kaum eine Halbschwester sein können! Das heißt kurz: die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Bei P. Habe ich die ganze Sоmmergarderobe, einige Anzüge, einige Mäntel, sehr viel Wäsche, reine u. ungewaschene einen vollen Ranzen mit kosmetischen Artikeln (wenigstens um 15000 Lei) meinen Gasherd, den großen Perser, unzählige Paar Schuhe, 4 oder 5 Paar Schlittschuhe, Ledereinkauftaschen, einen Teil der Krystale – es war auch das ganze Silber dort, nun weiß ich nicht was C. alles schon davon bekommen hat? Im Wäschekasten ließ ich unzählige Sachen zurück. T. hat behauptet daß mir davon kein Stück fehlen wird. Unter Anderem habe ich im letzten Augenblick einen neuen Herbstmantel der Herta in hellgrau u. ein reizendes Kleiderl in rosa in den Kasten zurückgelegt. Sie weint sehr oft um alle ihre Sachen – ihre besten hat man in Mogilau gestohlen – bitte ihn, das er dem Kinde die Freude macht u. Dir ihre Sachen mitbringt, er h[...] sie doch nicht. Da wir unserer Strickjacken beraubt wurden, verlange von Pf. P. die vorrätige Wolle u. alle Stopfwollen u. Seiden u. hebe sie auf bis wir kommen; sonst müßt Du sie herschicken, damit wir etwas für die Kälte stricken. Bei VasiliuCarmuntze kennt die Familie – habe ich 11 Teppiche + Ostergeschirr + aller Geschirr, Wage, Küchenuhr, hartes Wecktopf etc. etc. Sollte das Kind das Geld benötigen für den Ausflug, so veräußere auch dieses, mir sind die Sachen nun insofern nicht gleichgültig als sie noch für Euch als kleines Mittelchen zum großen Zweck dienen könnten. Bei Dorofteis sind viele Sachen, Carmi hat noch im Juli alles hingetragen, ein ziemlich großer Beitrag erfolgte noch von der Ab. Wenn ihr auch diese Sachen benötiget, so kassieret auch diese ein zu dem gleichen Zweck. Der l. Tata hat beim St. Ferar aus D. Seger mit Kettel deponiert; ziehe es ein, wenn möglich. Ebenso müßt Du den Schäuffeur einbißchen würgen; er hatte keine Zeit die Sachen dem Messer zu geben; sie sind zweifellos bei ihm. Wir haben die Kiste von Deinem Mann noch nicht bekommen. Mir scheint es tut ihm leid sie auszufolgen. Ich muß schon schließen, obwohl es mir ein Trost ist mit Dir zu plauschen. Es ist sehr kalt u. ungemütlich in unserem – sagen wir – Zimmer. Unzählige Küsse allen auch Handküsse der l. Mama Toncia

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Hr. B. Landwehr
Cernowitz
St. 10 Mai Nr. 10

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