Lieber Heinrich,
Wir waren sehr besorgt, weil wir Dir unzählige Postkarten geschrieben haben und von Dir kein Lebenszeichen gekommen ist. Wir haben auch Herrn Rechtsanwalt Twers 2 P[ost]-K[arten] geschrieben. Herrn Satiriade haben wir nach Roşiori geschrieben, weil wir seine Adresse nicht kannten. Ich habe auch Frau Zubec in die Landwirtschaftskammer geschrieben, weil ich nicht wusste, was ich glauben soll. Ich habe den Schluss gezogen, dass Ihr geschrieben habt, jedoch die Postkarte nicht mit 6 Lei zusätzlich frankiert habt. Wir freuen uns sehr, dass Du gesund bist. Wir haben, seit wir von zu Hause fortgegangen sind, viel durchgemacht, aber gottlob sind wir gesund und zusammen. Von Salu sind wir mehr als 50 km entfernt, im Inneren der Ukraine. Salu ist in Moghilov geblieben, also in der Kleinstadt diesseits der Nistru. Wir sind hier wie in einer anderen Welt, ohne Zug, ohne Post, ohne irgendeine Verbindung. Wir haben nur Glück, dass manchmal ein deutsches Auto vorbeikommt und irgendwer einmal nach Moghilov fährt und Post und andere Neuigkeiten bringt. Die Stadt hier ist wirklich klein, ohne ein einziges Geschäft und der Großteil der Stadt ist zerstört. Wir wohnen hier in einem s[ehr] kleinen Zimmer, aber wir sind dafür dankbar, weil Holz sehr teuer ist, 16 kg kosten 20 Rubel. Die sich im Umlauf befindende Währung ist der Rubel, den man für 10-12 Lei bekommt. Das Leben hier ist s[ehr] teuer und viele Dinge findet man hier einfach nicht. Die wichtigsten 2 Dinge hier sind: Brot und Holz oder Heizöl (bzw. Diesel, wofür man für 1 Liter bis zu 30 Rubel bezahlt, was man mit den rumänischen Lebensumständen gar nicht vergleichen kann). Ich bete zu Gott, dass wir gesund durch den Winter kommen, der hier gleich ist wie dort, jedoch wegen der Entbehrungen sehr schwer ist, Holz gibt es praktisch nicht. Wenn wir in Moghilov geblieben wären, wo Salu ist, hätten wir es nicht ausgehalten, weil es dort noch teurer ist als hier. Mutter, Ana und Simşem sind vor uns weg und wir haben uns nicht mehr getroffen und wissen auch nicht, wo sie sind. Mit der Schwiegermutter und Helica haben wir uns in
Moghilov getroffen. Sie hatten großes Pech, weil man ihnen einen Koffer gestohlen hat und jetzt haben sie nichts zum Anziehen und keine Schuhe und hier findet man nichts. Und ich habe auch eine große Dummheit begangen, dass ich nur schwere Stiefel mitgenommen habe, nicht einmal ein Paar normale Schuhe oder Überschuhe. Wenn mir die Stiefel kaputt gehen, bleibe ich barfuß. Ich habe Dir geschrieben, mir ein Paar Schuhe zu schicken, falls du hast, ein Paar von denen, die ich in Rădăuţi gemacht habe und Überschuhe und für Nilica ein Kleid, weil sie keines zum Wechseln hat. Abgesehen davon habe ich noch eine große Dummheit gemacht, ich habe meine und Deine Akten bei Florian gelassen.
Ich brauche sie dringend. Ich bitte Dich s[ehr], dass Herrn Satiriade zu sagen oder vielleicht tust Du mir diesen Gefallen. In der Eile, in der ich aufgebrochen bin, habe ich alle meine und Nilicas Ausweise im Schlafzimmer in der Tischschublade zum Spiegel hin vergessen, nimm sie bitte an Dich.
Versuche mir die Akten von Florian zu schicken, weil man nicht weiß, ob wir hier bleiben werden oder ob wir nicht weiter müssen. Behalte alle meine Sachen und setze Dich für deine Familie ein, sie zurückzubringen. Aber für den Fall, dass Du es nicht schaffen solltest, und nachdem Du frei bist, behalte nichts, sondern verkaufe alles, damit Du von meinen Sachen leben kannst. Ich werde Dir über die Hauptsache noch schreiben, damit diese nicht verschwindet.
Falls Du die Möglichkeit hast, Frau Kahn dienlich zu sein und Herr Florian soll auf das Fotoatelier achten. Wir glauben an Gott, dass Du sehr bald frei sein wirst und alleine alles wirst regeln können. Sorge Dich nicht um uns, außer darum, uns etwas zum Leben zu schicken, welches hier so kostspielig ist. Bitte schreib mir was Herr Satiriade gemacht hat, ob er ein Geschäft eröffnet hat und wo er wohnt, damit ich ihm direkt schreiben kann.
Ich habe mir etwas Holz und Diesel angeschafft, jetzt habe ich genug für den ganzen Dezember, was hier eine s[ehr] große Sache ist. Ich hoffe, dass Gott uns nicht verlässt und uns weiter helfen wird.
Ich habe gehört, dass sich Sosel und Ribin in einer Stadt 12 km von hier entfernt befinden. Gott weiß, ob
sie etwas zu essen haben, sie sind von zuhause mit fast nichts aufgebrochen, und Essen und ein kleines Stück Holz sind hier ein großes und schwieriges Problem. Sei um uns nicht besorgt, denn wir sind gesund und zusammen und haben zu essen. Ich bitte Dich sehr, uns so oft wie möglich zu schreiben, und frankiere die Postkarte zusätzlich mit 2 Lei und adressiere sie an die Israelitische Gemeinde, Mogilov, für Leon Seligmann, Djurin, da auch die anderen hier so ihre Post bekommen. Ich hoffe, ich habe Dir über alles geschrieben und Dich über alles informiert. Wenn Du uns schreibst, schicke uns auch etwas Briefpapier und Kuverts, denn die gibt es hier nicht. Abgesehen davon schick uns auch 2 Schachteln Aspirin von Bayer und von Norm-Muscel. Ich küsse Dich herzlich Leon
P.S. Herr Satiriade könnte ins Haus um die Lagerpapiere zu holen, dort befindet sich auch das Soldbuch und so könnte er auch meine Akten aus der Tischschublade holen.
Geehrter Herr Seligmann!
Mit Ihren l.[ieben] Schreiben haben wir uns alle sehr gefreut. Nur wundert es uns sehr daß Sie so lange nicht geschrieben haben. Jetzt komme mir einer großen Bitte an Sie um Falle die eine verlässliche Person haben sind Sie so lieb und schicken Sie zum Josef Wassyk (Buchhändler) er soll die restlichen 106 die er uns schuldet geben als auch die Medikamente von Dr. Finger, die Medikamente behalten Sie und Geld schicken Sie an Fulin. Zugleich soll er den W. Wassyk Fotograf sagen er möge auf daß was ihm gegeben habe gut aufpassen als auch auf alles was im Haus ist, wie möglich noch retten und hinaus nehmen als auch die Documente die ihm Schrank liegen. Bitte uns daruber alles antworten.
indem ich Ihnen im Vorhinein danke verbleibe Sie bestens grüßen H. Kakam.
Wenn Herr Satiriade nach [Gura] Humor[ului] fährt, sollte er mir wenigstens das Wollkostüm, Schuhe und was er sonst noch kann, bringen. Die sind im Koffer und ich bin mir nicht sicher, dass er nicht verschwindet oder ihn die Mäuse nicht annagen.
Seligmann
Wenn Du schreiben willst, per Post am Besten so adressieren folgend:
S.R. für Seligmann
Moghilau
Postrestante [eingeschrieben]
Transnistria