Sprache auswählen

F-1061, inventar 1, dosar 1, 23-24 - de

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Meine Lieben,
wenn Ihr Euch auch das Schlimmste von unserer Lage vorstellen würdet, könntet Ihr Euch auch nicht annähernd ein Bild unserer Not, unseres Unglückes vorstellen. Wir übertreiben nicht im geringsten, wenn wir Euch sagen, dass wir tausendmal lieber hätten riskieren sollen erschossen zu werden und uns in Cz versteckt zu halten, als dass wir hierher gegangen sind. Noch nie waren wir so arm und besonders so hoffnungslos wie jetzt. Gehetzt wie Tiere, immer im Ungewissen, ohne Ziel und besonders ohne Aussicht diesen Winter durchhalten zu können dabei, so wunderlich es klingen mag, noch dieses elende Leben retten zu wollen, diese Qual noch verlängern zu wollen, mit fast gar keinen Hoffnungsschimmer einmal noch, bessere Tage zu erleben, klammern wir uns an die einzige Möglichkeit mit Euch eine Verbindung herzustellen und von Euch diese über alles dringende uns

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

das nackte, allerbescheidenste Leben erhaltende Hilfe zu bekommen.

Meine Lieben, ich weis nicht ob ich die richtigen Worte gefunden haben um Euch unsere unglückliche Situation zu schildern. Es wäre viel einfacher, ich schreibe Euch, dass wir einfach ganz ohne Geld sind, dass wir unsere Sachen verloren haben, zum Teil hat man sie uns genommen, dass die Lebensmittel sehr, sehr Teuer sind, selbst für den der Geld hat (30 und noch mehr Rubel ein Brot, 2 Rubel ein Ei 60 Rubel ein Zentner Holz, 400 Rubel Miete, monatlich (etc, etc) dabei hat man uns die Lei á 40 pro 1 Rubel

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

eingetauscht. Wertgegenstände wie Uhren oder sonst besitzen wir nicht, nichts besitzen wir mehr als die Gewissheit, das wenn nicht in ganz kurzer Zeit Hilfe kommt wir genau so elendiglich wie Tausende andere Zugrunde gehen werden. Wir sprechen oft vom Sterben, es ist für uns nicht mehr der schlechteste Ausweg, es gibt viel ärgeres wie dies. Aus Atachi wurden wir getrieben, aus Moghilev, wo wir in einem zerstörten Haus ohne Fenster, in Kälte und Mist am Fußboden geschlafen haben und Gott baten, man möge uns dort belassen, wurden wir wieder getrieben, nun sind wir in Schangorod 45 Km von Moghilev und werden in absehbarer Zeit wahrscheinlich weiter in ein Dorf, hoffentlich schon Endstation,

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

getrieben werden. Verdienstmöglichkeiten gibt es keine, wer noch was hat gibt ein paar Schuhe für zwei Brote! Wir müßen Geld haben, wenn wir überwintern wollen, nur um einmal täglich, wie jetzt, Kartoffel zu essen und in einem ofenlosen Bauernzimmer am Fußboden liegen zu können, bei 15º Kälte derweil, nicht denkend an dass was noch kommen wir. Der Mantel der uns bei Nacht als Decke dient, Bettzeug haben wir längst nicht mehr, den tragen wir zerknüllt bei Tag und schauen auch demnach schon aus. Alles wollen wir ertragen, so wie jetzt, ärger darfs nicht werden, weil es unerträglich ist. Bitte helfet uns rasch, lasset keinen Weg und Möglichkeit

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

unversucht, lasset uns nicht so grausam Zugrunde gehen, lange halten wir ohne Eure Hilfe nicht mehr durch. Wir wollen noch einmal gute Tage erleben, noch wie Menschen behandelt werden. Unglücklicherweise haben wenige Menschen ihr Geld richtig versteckt wir sind leider nicht unter den Glücklichen, uns wurde alles wertvolle (Uhren, Schmuck, das Rautzerl mir dem Kolodrat) genommen. Man lies und ein ganz leichten Rucksack und dankten Gott dass man uns das Leben lies. Viele verloren auch das. Es sind nicht die Unglücklichsten. Wir brauchen Rubel, sonst aber Lei. Schicket uns auch

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Lebensmittel, Medikamente unerreichbar), Seife, Zucker, Wolle! Bitte gebet all das dem Überbringer dieses, schreibet uns gleichzeitig, sonst jedoch machet einen Kurier ausfindig wendet Euch eventuell an Fam. Landwehr Merang. 10 der seinen hiesigern Verwandten schon Pakete und Geld hat zukommen lassen und auf dessen Adresse wir dies von Euch zu erhalten hoffen. Handelt rasch, bald sind wir eingeschneit, oder nicht mehr hier! Bitte diesen Brief Fam. Rittberg Slowackigasse 15 vorzuzeigen. Wir sind mit Dr. Weisner zusammen.

 

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.