Meine Adresse ist Henig Dentist der deutschen Zahnstation Moghilau, Adolf Hitlerstr. 19.
Sehr geehrter Herr Senator!
Endlich ist es mir gelungen durch einen verlässlichen Herrn an Sie den ich wie einen Vater schätze, einige Zeilen zu richten u.[nd] mein Leid zu klagen. Wie Sie vielleicht gehört haben bin ich zu gleicher Zeit mit Dr. Brecher vom Zug mit den Sachen durch durch den Herrn Primar Poliacu u. den Herrn Kabinettschef der Präfektur als Spezialist-Dentist zurückbefohlen worden. Meine Autorization wurde auch vom Gouverneur auf telephonischem Wege bestätigt. Trotzdem als ich nach Hause kam wurde ich in der Nacht des 14. Oktober vom Kommissär Rotar begleitet von 2 Wachleuten, auf unerhörter Weise zum Bahnhof getrieben sodass ich mein ganzes Gepäck für mich u.[nd] meine Familie im Hause zurückgeblieben ist. Selbst die Lebensmittel, nichts, ich für die Reise notwendig hatte, musste ich auch zurücklassen. Am Wege wussten wir schon hungern u.[nd] mein armes Mäderl, als wir hierher nach Moghilau angelangt sind, ist Hungers gestorben. Viele, viele Menschen sterben täglich Hungers. Nun habe ich doch ein bisschen Glück im Unglück. Ich wurde von der deutschen Wehrmacht als Dentist aufgenommen. Sie sind von meinen Leistungen sehr zufrieden u.[nd] helfen mir soviel sie können. Ich habe von ihnen eine menschenmögliche Wohnung bekommen, ich bekomme auch Holz und welche Lebensmittel. Nun sehr geehrter Herr Senator fehlen mir meine technischen u.[nd] operativen Instrumente sowie Material welches ich gezwungener Weise durch das Vorgehen des Kommissars zurücklassen musste, abgesehen davon dass wir weder über ein Reservehemd noch Bettzeug noch Schuhe noch Kleider verfügen, denn das Wenige welches wir an Geld u.[nd] anderen Kleinigkeiten mithatten wurde uns unterwegs gestohlen. Jetzt sehr geehrte Herr Senator stellen Sie sich meine verzweifelte Lage vor. Von meinem Vermögen, für welches ich mich mein Leben lang schwer u.[nd] bitter geplagt habe, bin ich ein Bettler geblieben, während es anderen gelungen ist, sich viele Sachen mitzunehmen.
Sehr geehrter Herr Senator! Jetzt komme ich mit einer großen Bitte. Ich habe zu Hause in einem Packet u.[nd] z.[war] hat dieses Packet einem bunten rumänischen Teppich als Hülle u. dann ist außer 2 Steppdecken,
u.[nd] meiner Wäsche u.[nd] verschiedenen anderen Sachen auch ein Säckchen mit Wiplahülsen das sind noch nicht ausgearbeitete weiße Metallzähne zurückgelassen. Nachdem hier kein Geld vorhanden ist für Zähne u.[nd] auch kein anderes Material zu bekommen ist, sind die Wiplahülsen für mich direkt lebenswichtig. Da dieses Metall kein Edelmetall ist, ist es gestattet hierher zu bringen. Ich bitte Sie innigst, alles ansuwenden um dieses Säckchen mit den Wiplahülsen, und wenn es auch möglich ist, die kleinen technischen Instrumente u.[nd] die Schachteln mir weißen Porzelanzähne zu sich in Verwahrung zu nehmen, da ich dies alles ausschließlich für die deutsche u.[nd] rumänische Armee benötige. Ich bin auch mit heutigem Tage als Garnisonsdentist auch für die rumänische Armee bewilligt worden. Es ist leicht möglich, dass demnächst ein deutscher Soldat um diese Sachen kommen wird; sollten Sie aber Gelegenheit haben, mir durch jemanden hauptsächlichst das Säckchen mit den Wiplahülsen herzuschicken, wäre es ein großes Glück für mich, wenn möglich auch etwas Wundzeug. Ich bitte vielmals um Entschuldigung für meine Anmaßung, aber ich kann vor niemandem mein Leid klagen als nur vor Ihnen. Ich glaube daß mir meistens nur Herr Oberstlieutnant Urbanowicz geschadet hat, welcher auch jetzt mein Haus übernommen hat, da der betreffende Herr Oberstl. die längste Zeit gedungen hat, ihm das Haus billig zu überlassen. Als er mich gesehen hat mit den Gepäcksstücken nach Hause fahren, war er ganz aufgeregt u.[nd] sagte mir ich werde nicht in R[adautz] zurückbleiben, da er dann Haus übernehmen will. Ich wäre geneigt, ihm das Haus billig zu überlassen, wenn ich nach Hause kommen könnte. Ich glaube es mir verdient zu haben, denn auch der Herr Präfekt ist von meiner Anständigkeit u.[nd] meinem guten Willen überzeugt. Ich habe tlw [teilweise] für die Armee gearbeitet, habe mich den Verwundeten zur Verfügung gestellt u.[nd] außerdem hat mein Vater in der rum.[änischen] Armee als Neangajat gedient. Es fahren täglich Familien in die Buc.[owina] zurück, sie werden zurückberufen u.[nd] in Czernowitz sind alle meine Berufskollegen zurückgeblieben. Vielen Dank im Voraus zeichne hochachtungsvoll Ihr ergebenster Dr. P. Henig
Handküsse an die gnädige Frau
Bitte mir einige Zeilen per Post zukommen zu lassen. Es wird mich sehr freuen würde.
Herrn Senator
Joaneti Samoil
Radautz