Dacle Dnei [Sehr geehrte Frau] Irina Lucani Radauti
Sehr verehrte gnädige Frau!
Mit grossem Bedauern habe ich gehört, dass unser ehrlicher braver guter Mann den Heldentod gefunden hat. Sie verlieren [mit] ihm einen herzensguten ausgezeichneten Mann sowie einen aufopferungsvollen Vater und ich einen wahren guten Freund den ich aufrichtig geschätzt habe, wegen seiner Herzensgüte, Aufrichtigkeit u[nd] Korrektheit; möge der Allgütige Ihnen seinen gnadenreichen Trost spenden. Freunde von den[en] Sie wohl jetzt nicht allzu viele finden, doch hoffe ich, dass der Staat für alles reichlich – soweit dies möglich ist – entschädigen wird. Sie haben Ihr Kind und das wird Ihnen sicherlich neues Lebensmut geben. Wie es uns geht! Nicht zu beschreiben schlecht. Ausgeplündert sind wir mir Rucksackgepäck nach Mohilew eingetroffen. Hätten wir nicht auf einen guten Menschen getroffen wären wir schon längst nicht da. Er hat und Geld vorgeschossen, damit wir leben können. Bis vor wenigen Tagen schliefen wir auf der Erde; seit 6 Tagen haben wir ein Eisenbett und einen verfügbaren Raum in der halben Grösse Ihrer
Entrés. Von der Teuerung können Sie sich keine Vorstellung machen; ein Brief 36-40 Rubel nach hiesigen Kurse: 400 Lei nach of.[fiziellem Kurs zu] 1600. 1 Liter Petroleum 20-25 Rubel etc ... Das mitgenomene Geld ist längst aus; wie gesagt, hat mir der Notar aus Atachi Iwan Pajevanu Geld geborgt und mich so erhalten. Ich bitte Sie daher, liebe gnädige Frau, das bei Ihnen zurückgelassene Geld unter Adresse: Iwan Pajevanu Atachi, Jud.[etul = Bezirk] Saraca zu schicken und auf einer separaten Karte ihm zu schreiben: „spre acoperirea împrumutului dat D-lui Şimon Hilsenrad, actualmente în Mohilev“ [„zur Deckung des Darlehens an Herrn Shimon Hilsenrad, der sich derzeit in Mohilev aufhält“] Die Beträge können Sie auch in Raten schicken, da er Vertrauen zu mit hat; teile Sie solche Sendungen mir immer mit. Überweisungsgebühr u. Porti gehen auf mein Konto. Sollten Sie Radauti verlassen dann bitte ich Sie sehr unsere Lei Ihnen geborgete Sachen samt Vorräte an meine Tante in Bräuhause oder an Frau Virginia Sorda die ebenfalls im Bräuhause lebt zu übergeben und uns zu verständigen; vielleicht wird es einmal möglich sein, dass man uns von dort etwas zuschickt. Gott mir Ihnen und Ihrer lieben Familie. Ihnen alles Schöne und Liebe wünschend verbleibe ich in alter Ergebenheit Ihr Dr. Hilsenrad.