Sargorod 6.XII.41
Lieber Nuşu!
Ich habe Dir gestern geschrieben, aber ich bin nicht sicher, ob der Brief an seinem Bestimmungsort ankommt und deshalb schreibe ich Dir dasselbe noch einmal mit einem kleinen, aber sehr wichtigen Zusatz. Wir danken Dir von Herzen für das Geld und das Paket, beides ist zur rechten Zeit angekommen, da wir keinen Bani mehr hatten und nichts mehr zu verkaufen. Heute, Nuşu, sind wir dort, wo wir waren, bevor wir Geld von Dir bekommen haben, und Hilfe erhalten wir hier von niemandem, nicht einmal Jaga hat sich gemeldet. Ich nehme an, er hatte keine Gelegenheit. Ich weiß nicht, ob Du irgendeine Nachricht von uns erhalten hast, wir haben Dir viele, viele Male geschrieben, es wäre gut, wenn Du Dich mit Jaga in Verbindung setzen würdest, so dass sie uns durch Dich helfen kann, ich habe Torica geschrieben, aber auch von ihm haben wir nichts bekommen, obwohl aus Bucureşti viel Korrespondenz kommt. Organisiere etwas für unsere Rettung und Hilfe, verkaufe von den Sachen was Du kannst (das Piano, die Kerzenständer etc.) und schicke uns Geld, Lebensmittel, einige Medikamente und 1–2 Mützen für uns, Paula hat nur einen Sommermantel. Unsere Stoffe sind alle bei Frau Maria Lunguleac (str. Neculcea Nr. 15) in Gurahum[orului] geblieben, und bei Frau Rech die Uniform, mein neues Kleid, und meine neuen Schuhe; es wäre gut, wenn Du diese Dinge holen würdest, wenn sie Jaga noch nicht abgeholt hat, um sie zu verkaufen und uns das Geld zu schicken, in jedem Fall, Nuşu, kontaktiere Jaga, Pipi, Torica, Gh. Iosif (str. Toamnei 118), Dr. Krämer und helft uns; schreibt allen, dass sie uns helfen, sonst sterben wir, Nuşu! Jetzt bitte ich Dich, das folgende Ansuchen mit der Schreibmaschine zu kopieren, in meinem Namen (eventuell durch Gh. Iosif) zu unterschreiben und jenen zu bitten, für mich zu intervenieren (ich wiederhole seine Adresse: str. Toamnei 118): „Herr Mareşal, der respektvoll unterzeichnende Lapise Alfred, Doktor der Rechtswissenschaft, ehemaliger Anwalt und ehemaliger Reserveleutnant, mit letztem Wohnsitz in der Stadt G[ura] H[umorului], Bezirk Cplg [Câmpulung], im Moment evakuiert mit erzwungenem Wohnsitz in der Stadt Şargorod, Bezirk Moghilău – Transnistria; ich erlaube mir, Ihnen folgende Petition zu unterbreiten: Am 9. II. 1940 wurde ich beim 16. Reg[iment] Dorobanţ einberufen, welchem ich angehörte und dem II/VII Arbeitsbat[allion] zugeteilt, wo man mir das Kommando der V. Kompanie übergab. Zur Zeit meiner Einrückung wohnte ich in Cernăuţi, wo ich als Rechtsanwalt ab 1936 arbeitete, und davor hatte ich 17 Jahre lang in Stulpicani – Câmpulung als Anwalt gearbeitet. In Cernăuţi hatte ich mein eigenes Haus, str. Craiovei nr. 7, und lebte standesgemäß. Am 17. II. 940 bin ich mit meinem Bat[allion] ausgerückt, in welchem ich meinen Dienst gewissenhaft bis zum 6. VII 1940 ausgeführt habe und an diesem Datum war ich im Dienst beim Sesshaften Teil des Regiments, in der 1. Garnisonskompanie als Gruppenführer bis zum 24. VIII 1940,
als ich ausgemustert wurde. Am 28/VI 940 ist meine Frau mit meinem Kind aus Cernăuţi geflohen, unseren ganzen Besitz zurücklassend, um sich vor den Bolschewiken zu retten. Am 12 VI 40 habe ich beim Reg[iment] (Sesshafter Teil) die Deklaration des Verzichts auf Repatriierung eingereicht, erklärend, dass ich im Land bleiben möchte. Nach meiner Ausmusterung habe ich mich mit meiner Familie in G[ura] H[umorului] niedergelassen, wo ich mehr als bescheiden als registrierter Flüchtling lebte, durch die Hilfe meiner Freunde überlebend, bis zum 10.X 1941, als ich mit meiner Familie zusammen mit den Juden aus G[ura] H[umorului] evakuiert wurde. Ich bitte Sie, Herr Mareşal, seien Sie so gut, eine Überprüfung meiner Behauptungen zu verfügen, ich appelliere an ihren sprichwörtlichen Rechtssinn und bitte Sie zu berücksichtigen, dass ich meinen Dienst am Heimatland getan habe, dass ich meine Loyalität und vollkommenste Hingabe meinem rumänischen Heimatland gegenüber bewiesen habe, im Überfluss beweisend, dass ich ein überzeugter Gegner des Bolschewismus bin, durch die Tatsache, dass ich, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, meinen gesamten Besitz aufgegeben habe, es vorziehend in Armut als unter den Bolschewiken zu leben, durch den formalen Verzicht auf die Repatriierung nach Cernăuţi. Bitte berücksichtigen Sie auch, dass ich im Weltkrieg als österreichischer Offizier an vorderster Frontlinie teilgenommen habe, und als solcher verwundet und mit mehreren Auszeichnungen für herausragenden Mut dekoriert wurde. Ich bitte Sie darum, meine Repatriierung, die meiner Frau Paulina und meines Kindes Dorina zu verfügen, da wir das Schicksal evakuiert zu sein nicht verdient haben. Unterschrift. Und auf die erste Seite ist zu schreiben: „An Herrn Anführer des rumänischen Staates“. Schick das Ansuchen bitte mit einer sicheren Person, nicht mit der Post, Herrn Iosif oder Herrn Ob[erst] Cantemir und bitte sie darum, auf dem Ansuchen zu bestätigen, dass meine Angaben wahr sind, es könnte sie genau so gut auch Herr V. bestätigen!! Sei beharrlich. Bitte interveniere, wo nötig, um das Problem zu lösen. Die Beglaubigung, die die ganze Situation aus dem Ansuchen beschreibt, hat man mir genommen. Aber ich glaube, es wird auch ohne Beweise gehen, da man die Überprüfung auch des Amtes wegen machen kann, wenn es Beharrlichkeit gibt!!!
P.S. Du könntest auch Frau Genia Strugariu, str. Munteniei (Nr. ?) besuchen, Jagas Schwägerin, damit auch sie uns hilft, Herr Jude[cator = Richter] Strugariu könnte auch das Ansuchen unterschreiben. Wir grüßen sie herzlich und wünschen ihnen viel Gesundheit. Was ich Dir wünsche – weißt Du. Tut euch zusammen und helft uns, sonst sind wir verloren. Frohe Festtage. Ich küsse Dich herzlich und auch Pipi, Euer [Unterschrift]
Onkel Grigorovici könnte uns auch helfen.