A. Stein
Dienstag 10/XII
Meine Liebesten!
Was den Ranzen betrifft, hast Du mich liebste Fany scheinbar missverstanden. Die Kleider sind mit den Säcken gelegen, im Schmutz u. Feuchtigkeit. Wie die Kleider darunter gelitten haben kannst Du Dir ja vorstellen. Nur ist es mir gelungen in der Zwischenzeit 3 alte Ranzen abzukaufen, sodaß ich meine Ranzen von zu Hause nicht mehr benötige. Bzgl. Des Paketes in welchem die Medikamente des Frl. Stein beigepackt waren, habe jetzt Hoffnung aufgegeben, es zu bekomen. Der Betreffende der es vom Sonin übernommen hat, ist unerträglich, böswillig und unausstehlich. Nach seinen Angaben konte er es von Ataki nicht herüberbringen. 3 Wochen bin ich gelaufen und wurde fortwährend angelogen. Nur um rasch was zu retten habe einen Man ausfindig gemacht der die Post täglich herüberbringt, den ich die Hälfte der Inhalts versprochen habe. Ich habe mich mit dem Mann zum Betreffenden begeben und in meiner Gegenwart wurde vereinbart, dass das Paket dem Zweiten übergeben wird. Nur musste ich ersteren eine Bestätigung geben, daß ich das Paket bereit erhalten habe. Es sind seit damals 8 Tage verstrichen, und ich werde von zweiten weiter angelogen. Also wir sind Schwindlern zum Opfer gefallen. Schreibet sofort dem Sonin, daß obwohl ich bestätigt habe, das Paket erhalten zu haben, es in der Tat nicht bekommen habe. Ich habe auch jede Hoffnung aufgegeben. Bemerket, dem Sonin, daß er nächstens
sehr vorsichtig sein soll. Lieber nichts schicken als das es verloren gehen soll. Meine Liebsten, ich danke Euch bestens für die mir angezeigten Schuhe, ich hätte sie sehr nötig, aber ich glaube kaum daß sie mich erreichen werden. Es ist sehr schwer was hinüberzubringen. Deswegen ist auch hier das Elend und die Not viel größer. Es ist hier eine Hungersnot, ein Jammer. Menschen sterben hier buchstäblich vor Hunger. Wir haben 3 Tage kein Brot gehabt. Habe gestern 2 schwarze Brötchen je 1 kg erwischt und dafür 220 Rubel bezahlt. Von Fleisch seit 10 Tagen keine Spur. Auch um das viele Geld kriegt man nichts. Wenn wir anstatt der Bonbons ein Brot bekomen hätten, wir wären überglücklich. Trotz alldem können wir uns nicht beklagen und wir sind relativ noch gut dran. Von der Teehalle haben wir kaum das Essen. Wir arbeiten schwer, wir müssen auch damit zufrieden sein. Es schwirren hier Gerüchte herum, von einem nach Hause fahren, aber ich glaube an nichts mehr wie gewöhnlich „Ipa“ [?]. Ich habe mich mit meinem Exil abgefunden, aber um mein Kind bin ich sehr besorgt. Er wird hier demoralisiert. Keine Erziehungsmöglichkeiten, keine Lehrbücher wir hausen alle am Haufen wie die Zigeuner, Hoffentlich kommt doch bald die Erlösung.
Es küsst Euch tausendmal Euer Sami