Moghilau, 14./XII. 1941
Sehr geehrter Herr Göttl!
Wie sie sehen, befinden wir uns in Moghliau, in der Ucraina, am Dniester gelegen. – Jenseits des Dniester, und vis – a – vis gelegen, ist die rumänische Stadt Ataki (Bas) wohin wir nicht kommen dürfen. Wie leben hier im größten Elend. 3 Familien in einem kleinen Zimmerchen. Lebensmittel bekommt man hier – auch für´s teuerste Geld – in den letzten 14 Tagen überhaupt nicht. – Die Reichen beschaffen sich Lebensmittel von auswärts, aber wir armen sind dem Hungertode preisgegeben. – Ich arbeite bei einem Brückenbau, wofür ich täglich 1 kg schlechtes Brod, gegen Bezahlung von 3 Rubel bekomme. Dieses Kilogramm Brot reicht nicht einmal für meine Kinder, so dass ich u. meine Frau buchstäblich
verhungern, wenn wir nicht raschest Hilfe bekommen. – In dieser meiner grossen Not wende ich mich an Sie, lieber Herr Göttl, da ich keinen anderen habe, an den ich mich wenden kann und ich hoffe, dass Sie meinen Hilferuf nicht unerhört werden verhallen lassen. – Helfen Sie mir womit Sie können u. wollen. – Wenn Sie den guten Willen haben werden, werden Sie auch die Gelegenheit finden, durch die Sie mir Hilfe zukommen lassen können. – In erster Linie ist Geld, das man sehr leicht schicken kann u. in zweiter Linie Lebensmittel. – Wenn Sie mir einige kg Speisesoda (Polasch) schicken könnten so könnte ich hier im Tauschwege allerlei Lebensmittel bekommen. Speisesoda kostet in Radauti höchsten 20 Lei ein kg, so daß man mit 100 – 200 Lei uns retten kann. – Ich bitte Sie also sehr, haben Sie mit uns Erbarmen u. retten Sie uns vor dem Hungertode. – Wie geht es Ihnen u. w. Fr. Gemahlin? Wie es uns geht, habe ich Ihnen einen Bruchteil geschrieben. – Ich erwarte von Ihnen rasche Hilfe u. in dieser Erwartung grüße ich Sie u. Fr. Gemahlin bestens
Hersch Ellenbogen
Meine Adresse:
H. Ellenbogen
Santierul Podukir – Moghilau – Ataci
Moghilau – Transistria
Dlui
Filip Göttl
[unleserlich]