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F-1061, inventar 1, dosar 1, 57 - de

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Moghilau, 14./XII. [1]941
Meine Vielgeliebten!
Gestern kam Albert, O[h], welche Freude! Tausend Dank für alles. Wie schade, dass Bubi nicht da ist. Ich erwarte ihn heute, vielleicht kommt er noch, bevor Albert abreist. Seit 15./XI. habe ich Korrespondent für Euch gesammelt und euch am 10./XII. alles, ausführlich mit dem Direktor geschickt. Hoffentlich hat er auch alles übergeben. Teiti ist heute abgereist, wollte aber nichts mitnehmen. Unsere größte Freunde ist es, dass Ihr alle sonst von lieben Kinderchen gesund seid. Von Euch haben wir bis heute folgende Sendungen erhalten:
1.) Durch von Dir: 20 Blatt, 7 Pakete Dorobanti, 1 Päckchen Nationale, 9 Schachtel Zünder, 15 dkgr. Britten, 1 Fläschchen Kardiazol, 1 Coramin, 25 St. Piramydon.
2.) Durch den Ob[er]l[eutnan]t zu Rosenthal: 20 Blatt, 10 Päckchen Nationale, 5 Testa, 5 Jawol und 1 Cadusin.
3.) Duch Bridiks Kurien: 100 Blatt.
4.) Durch Albert: 50 Blatt und 3 Pakete (original.) Eine Sendung Medikamente, sowie 10 Blatt und 20 Blatt für Schlaimd sind nicht angekommen. Ihr sollet auch nicht jedwedem Blätter noch viel weniger Pakete anvertrauen, weil sehr vieles abgesteckt wird. Über die 300 Blatt bei Adolf in Buc[arest] könnt ihr selbst disponieren, weil eine Disposition von hier aus unzuverlässig ist. Bubi lebt und bleibt in Dziurin. Ich beneide ihn geradezu darum; er lebt ruhiger, billiger und bequemer. Daß ich noch hier bin, geschieht zu dem Zwecke, um die Verbindung mit Euch aufrechtzuerhalten. Bubi ist schon deswegen beneidenswert, dass er nicht mit unserer Schwester Salie zusammenwohnen muß, ja nicht einmal dieselbe Luft einatmen will. Es ist sehr traurig, dass ich Euch in dieser Lage, in der wir uns alle befinden, auch noch mit solch schmutzigen Angelegenheiten betrüben muß, aber es hat keine Grenze mehr! Salie ist die allergemeinste Furie, die je die Welt gehabt hat! Ein Auswurf der Hölle und der Menschheit! Man hört von ihr nur Flüche und Vorwürfe, dass wir sie ausgefressen haben, wiewohl ich zu allen Ausgaben und Spesen 33% beitrage. Die arme, kranke Mutter hört von ihr nur Vorwürfe und Flüche und Ihr könnt Euch die Erbitterung der armen Mutter vorstellen, wenn sie geschworen hat, ihr nicht einmal am Totenbette all das zu verzeihen. Vorerst d.h. in Radauti bei der Abreise versprachen Markus und Salie, dass sie Berta und Josef auf sich nehmen und sie die ganze Zeit erhalten werden. Josef und Berta haben sich geopfert, haben ihnen das ganze Geld, mehr als 1 Million und das ganze Gepäck gerettet. Trotzdem leistete ich von Beginn an zu allen Ausgaben 1/3., so dass ich für Berta und die für Josef alles bezahlten. Jetzt will Salie, ich soll die Hälfte aller Spesen tragen. Ich beschloss uns, Berta und Josef aus eigenen Mitteln zu erhalten und wir wohnen zusammen, leben aber separiert. Darauf wollte mich Salie aus der Wohnung hinauswerfen, ja sie sagte sogar, nimm dir die Mutter und gehe dir, Berta und Josef sollen ihren Schmuck und ihre Kleider verkaufen und davon leben, sie will sie nicht mehr erhalten. Hierauf sagte ich ihr, dass ich in dem Zimmer, wo wir jetzt wohnen bleiben will, weil die arme kranke Mutter keine 3 Schritte mehr gehen kann und sie soll sich ein anderes Zimmer suchen. Leider ist kein Zimmer zu bekommen, sonst würde ich es um jeden Preis mieten und mit der kranken Mutter, Berta und Josef ausziehen. Wenn ich 10 mal 48 Stunden dauernd schriebe, könnte ich Euch nicht den 10ten Teil von allen Gemeinheiten und Demütigungen, die wir von ihr erdulden, schildern. Melitta und Markus helfen ihr zu. Mit Bubi hatte sie auch schon Krach, aber nicht unseretwegen. Er hat ausdrücklich erklärt, er kann und will nicht mit ihr beisammen wohnen oder leben. Ich schreibe den Brief im Namen aller und es ist unser sehnlichster, Ihr sollte Euch um diese Bagage überhaupt nicht kümmern, weil sie es nicht verdienen. Im übrigen unterlassen sie es nicht auf Euch des öfteren zu besudeln. Also genug damit!
Wenn die Bokauczen [feste Schuhe] fertig sind und Ihr Gelegenheit habet, sie herzuschicken, dann tut es, weil sie hier zu 10 Blatt zur Paar weit sind. Ich kann sie leicht verkaufen zwei gegen Lebensmittel eintauschen. Die Bäckerei ist fertig, beteiligt sind an ihr ein Sozius mit 40%, einer mit 20% und Markus mit 30%, ich mit 10%. Ich glaube aber, dass man mich ganz hinausstellen wird, wozu je Markus und Salie fähig sind. Es liegt mir aber nicht daran; es kann nicht viel herausschauen, weil man für Geld kein Mehr bekommen kann und wann ja, kostete 1 KG 3-400 Lei.

 

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Es kostet bis heute schon cca 100 Blatt Bakschisch, man soll durch die Prefektur Kohl bekommen, aber es geht schwer zu: Wenn es gelingen sollte, wäre es sehr gut, wieder die Präfektur Maximalpreise für das Brot vorschreibt. Ihr dürftet gehört haben, daß jetzt die Rubel gegen Mark eingerechnet werden z. zw. 20 Rbl. Für 1. MK. Diese Ordonanta ist seit 5 Tagen erschienen und seither kann man für Geld absolut nichts mehr bekommen. Wir zahlen schon für 1 Brot von 1 – 1 ½ Kg 500 Lei, 1 Kg Maismehl, wenn man es bekommt 200 – 300 Lei. Täglich sterben hier 20 – 30 Menschen hungers. Da Bubi auch heute nicht da ist, ist Josef zu ihnen gefahren, um etwas Lebensmittel zu hamstern.

15./XII. Albert sagt mir, daß er heute wegfährt und so beeile ich mich diesen Brief fertig zu machen.
Liebste Gerda! Heute ist Dein Geburtstag. Ich gratulierte Dir gestern per Post telegraphisch und hoffe, dass Dich das Telegramm rechtzeitig ereilt hat. Ich wünsche Dir nun auch auf diesem Wege alles erdenklich Gute, Gesundheit und viel Glück!
Es wäre ja schön, wenn Du uns hier überraschen würdest! Lasse Dir von Dr. Twers erzählen, wie die Reise und Überfahrt (Zollkontrolle) sind. Albert hofft übrigens recht bald wieder zu kommen. Solltest Du nicht kommen können, dann bedanket uns wieder mir einem Paket. Am besten, Ihr packt ein separates Köfferchein ein, weil es schon hier mit der Zollbehörde Frühling genommen hat und leichtes Spiel hat. Was wir am dringendsten brauchen sind: Butter, Käse, Dauerwurst, Wäscheseife (auch ordinäre) einige Sägeblätter zum Holzschneiden, Dreikantfeilen 4 und 6 Zoll, Drahtstifte, Texnägel, Speisesoda auch 2 – 3 Kg, Magnesia usta Calcium carbonicum, Potasch, Perlraupen auch grosse, Gries, Marmelade, Sauersalz, Tee, Schmalz, Zucker (hier überhaupt nicht erhältlich) Speck, Farfel [eine Speise], 1 Gummiflasche (Thermophor), Oliven, Conserven, Pfeffer, Gewürze, Sali Kali, 1 Bügeleisen zur Erhaltung der Hygiene, auf dass wir keine Läuse bekommen. Alkohol 95%igen für die Mutter einen Hustensirup, Codein Tabletten, Kardiazol, Coramin, Piramydon, Aspirin (Bayer) Schuhpasta, braun und schwarzauch rot u.v.a. was Ihr für gut findet. Schicket aber nur, war und wie viel Ihr könnt und nur mit einem verlässlichen Kurier.
Seid nicht böse, wenn ich vielleicht zu viel verlange. Euch unser Leben zu schildern ist heller Wahnsinn, G.s.D. [Gott sei Dank] daß wir noch leben. Unsere l. Mutter ist nur noch ein Schatten von Mensch, ich selbst leide furchtbar an meinem Ulcus. Leider ist hier eine Diät ganz ausgeschlossen. Mein sehnlichster Wunsch ist es, doch noch einmal nach Hause zu kommen und unsere l. Mutter mir nach Hause zu bringen, denn auch das Sterben ist hier schrecklich hässlich; man macht Massengräber und wird so beerdigt, wie man stirbt, d.h. in denselben Kleidern und nicht gewaschen. Und nun, meine Teuren schließe ich, mit den innigsten Umarmungen im Geiste, Küsse Euch alle viele 1000 mal, ebenso die lieben Fratzen. Euer Berku.

 

Dr. Paul Guttmann

 

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