Briefe gegen das Vergessen: Das Archiv F1061 wird lebendig
„Kinder, ich würde Bände schreiben, wenn ich ein Heft hätte.“
(Fritz, Transnistrien, Dezember 1941)
Im Winter 1941, inmitten der Kälte und der systematischen Vernichtung, schrieben Menschen in den Lagern Transnistriens um ihr Leben. Es waren Hilferufe an die Liebsten in der Heimat Bukowina – 192 Briefe und 21 Übersetzungen voller Angst, Hoffnung und Verzweiflung. Doch diese Stimmen wurden zum Schweigen gebracht: Die rumänische Gendarmerie fing den Kurier am Bahnhof Czernowitz ab. Die Briefe erreichten nie ihre Adressaten; sie verschwanden für Jahrzehnte als Akte F1061 in den Archiven.
Heute, über 80 Jahre später, geben wir diesen Stimmen ihren Raum zurück. Was 2013 als umfassende Buchpublikation begann, wandelt sich hier zu einem digitalen Gedächtnisraum.
Vom Buch zum sozialen Medium der Erinnerung
Dieses Projekt ist weit mehr als eine rein digitale Dokumentation; es ist eine Einladung an eine Gemeinschaft der Erinnerung. Die Geschichte des rumänischen Holocausts besteht nicht allein aus abstrakten Zahlen, sondern aus der ungeheuren Summe individueller Schicksale, die hier eine Stimme finden.
Die Genese des Projekts
Die Wurzeln dieses Vorhabens liegen im Projekt „Schwarze Milch“, das zwischen 2010 und 2012 die Grundlagen für eine tiefgreifende Aufarbeitung legte. Das Ergebnis dieser intensiven Forschung mündete 2013 in der Publikation des gleichnamigen Bandes im Studienverlag. Seit seinem Erscheinen hat sich das Buch als eine unverzichtbare Quelle für die Erforschung der Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Transnistrien etabliert.
Ein digitaler Gedächtnisraum in höchster Präzision
Heute setzen wir den nächsten konsequenten Schritt. Wir verlassen das „Ich“ der Einzelautorenschaft und bewegen uns hin zu einem „Wir“ der gemeinsamen, partizipativen Aufarbeitung. In diesem digitalen Gedächtnisraum werden die Briefe erstmals in einer extrem hohen Auflösung präsentiert.
Wir haben uns bewusst gegen eine oberflächliche, mobile Optimierung und für eine kompromisslose Detailtiefe entschieden. Die Desktop-zentrierte Darstellung dient einem höheren Ziel: Jede Faser des Papiers, jeder Federstrich und jede Nuance der Handschrift soll für die Betrachter spürbar werden. Diese visuelle Unmittelbarkeit schlägt eine Brücke über 80 Jahre hinweg.
Ein Ort für Nachkommen und Forschung
Diese Seite richtet sich gleichermaßen an Nachkommen der Opfer, an die wissenschaftliche Fachwelt sowie an eine interessierte Öffentlichkeit. Sie ist ein lebendiger Prozess, der von Ihrem Wissen lebt. Indem wir diese Dokumente gemeinsam kontextualisieren, holen wir die Briefe aus der Anonymität der Aktennummern und geben den Menschen ihre Individualität zurück.
Werden Sie Teil des Projekts
Dieses digitale Archiv versteht sich nicht als statisches Depot, sondern als ein Werkzeug, das erst durch Ihre Interaktion und Ihr Wissen an Tiefe gewinnt. Wir laden Sie ein, die Grenzen des bisher Entzifferten gemeinsam mit uns zu erweitern.
Interaktive Quellenarbeit
Um der Komplexität der Originaldokumente gerecht zu werden, bietet Ihnen unsere Oberfläche spezialisierte Werkzeuge: Alle Scans der Briefe lassen sich in einem hochauflösenden Lightbox-Modus öffnen, stufenlos vergrößern und für eine bessere Lesbarkeit der Tinte per Tastendruck invertieren. Dies ist besonders wertvoll, da viele Dokumente auf minderwertigem Papier und unter extremen Bedingungen verfasst wurden.
Sprachliche Barrieren und Handschriften
Die Briefe sind ein Spiegel der polyglotten Welt der Bukowina und der erschwerten Umstände ihrer Entstehung. Sie finden Texte in Deutsch und Rumänisch, teils in Kurrent- oder Sütterlinschrift, teils in flüchtigen Handschriften, die dialektal gefärbt oder durch die Zensur verschlüsselt sind. Manches blieb für uns bisher schwer oder gar nicht entzifferbar.
Die Kraft der Schwarmintelligenz
Hier setzen wir auf Ihre Mithilfe. Vielleicht erschließen sich aus Ihrem Familiengedächtnis Informationen, Namen oder biografische Bezüge, von denen wir als Historiker und Übersetzer keine Kenntnis haben konnten? Erkennen Sie eine Handschrift wieder? Wissen Sie mehr über einen im Text erwähnten Ort?
Korrektur und Dialog
In den Sektionen Briefe, Personen und Orte finden Sie die Möglichkeit, aktiv „Änderungen vorzuschlagen“. Jeder Hinweis wird von unserem Team sorgfältig geprüft und führt bei Verifizierung zu einer Korrektur oder Ergänzung des Datensatzes. So wächst aus vielen Einzelbeiträgen ein immer genaueres Bild der Geschichte.
Ein Beitrag zur Aufarbeitung
Die Aufarbeitung der Geschichte ist kein abgeschlossener Akt, sondern eine fortwährende Verpflichtung. Mit diesem Archiv rücken wir eine Region und eine Form der Vernichtung in das öffentliche Bewusstsein, die in der allgemeinen Forschung noch immer oft ein Randthema darstellt.
Das Spezifikum des Holocaust in Transnistrien
Der Holocaust in den rumänisch besetzten Gebieten Transnistriens unterscheidet sich in seiner Grausamkeit grundlegend von anderen Schauplätzen. Er war weder Teil der technokratischen, deutschen „Tötungsindustrie“ noch entsprach er allein dem Bild des „Holocaust mit Kugeln“. Hier manifestierte sich das Verbrechen vor allem durch staatlich organisierte Unterlassung und verweigerte Hilfe.
Zeugnisse der schleichenden Vernichtung
Die Briefe – oft unter widrigsten Umständen auf Zeitungspapier, Rechnungsrückseiten oder Packpapierfetzen verfasst – sind erschütternde Zeugnisse dieser spezifischen Vernichtungsstrategie. Aus den Zeilen spricht die nackte Verzweiflung über den qualvollen Tod durch Hunger, Kälte und grassierende Krankheiten wie Flecktyphus. Es war ein Sterbenlassen in der totalen Isolation, fernab jeder Menschlichkeit.
Vom Archiv zur Individualität
Diese Dokumente zeigen jedoch auch eine beeindruckende Resilienz: Den verzweifelten Versuch der Verfolgten, durch die schriftliche Verbindung zu ihrer Vorkriegsvergangenheit in der Bukowina ihre Würde zu bewahren. Indem wir diese Stimmen gemeinsam kontextualisieren, schaffen wir ein soziales Medium der Erinnerung, das die Grenze zwischen Archiv und Gegenwart überbrückt.
Wir holen die Menschen hinter den Briefen aus der Anonymität der Aktennummern und der bürokratischen Kälte des Archivs F1061 zurück. Unser Ziel ist es, den Opfern ihre Namen, ihre Geschichten und ihre unverwechselbare Individualität zurückzugeben.
Mit freundlicher Unterstützung: Dieses digitale Vorhaben wurden durch das Land Kärnten finanziell gefördert und ermöglicht.