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F-1061, inventar 1, dosar 2, 81 - de

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Für Frau
Frieda Weinbach

Moghilev 16/XII 1941
Liebste Frau Frieda,
an Ihrer Nachricht an Hermine ersehe, dass Sie meinen Brief erhalten haben und danke Ihnen von ganzen Herzen für Ihre Freiwilligkeit. Leider scheinen die Herrschaften für uns nicht viel tun zu können, denn jede Zuckerration und jede Hilfe für unsereins scheint unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich zu sein. Es hat mich auch unsagbar deprimiert und komme ich mir so sehr erniedrigt vor, daß man mich nicht einmal paar Zeilen gerichtet hat. Ich habe doch lediglich darum gebeten, mir antworten zu sollen, ob wir irgend wie Hoffnung hegen dürfen. Bei meiner seelischen Depression und bei dieser für uns unsagbaren Situation, spielt ein Wort des Trostes, ein Schimmer von Hoffnung eine große Rolle. Ich hatte mir sehr gewünscht ein Lebensmittelpaket zu erhalten, habe ja auch um nichts anderes gebeten. Meine Verzweiflung ist grenzenlos, zu all dem kommt noch, dass mein armer alter Vater, aber erkrankt ist; wie sehr ich darunter leide, kann Ihnen nicht sagen, denn er ist doch mein einziger Halt. Mein armer Vater ist vollkommen entkräftet und habe ich

 

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überhaupt keine Möglichkeit ihn aufzupflegen. Die Lebensmittelmisere macht erschreckende Fortschritte, mit Geld d.[as]h[eisst]. mit sehr viel Geld in der Hand kriegt man nichts zu kaufen. Die Einheimischen wollen nur gegen Tausch etwas hergeben, die kleinste Scheidemünze ist ein Stück Seife. Leider habe ich gar keine mit. Ein kg Zucker kostet 500 Lei, ein Brot 400 Lei, dabei muß man Beziehungen haben und tagelang warten, bis man etwas zu diesen horrenden Preisen zu kaufen kriegt. Wenn uns nicht bald die Heimkehr gestattet wird, so gehen wir an den Entbehrungen vor Hunger und an Sehnsucht zu Grunde. In einem Loch zu wohnen, aber zuhause sein zu dürfen, das ist mein einziger Wunsch, wir leiden unendlich und ertragen all das Schwere nur in dem Gedanken an eine Heimkehr. Jeden Tag bedauern wir, mit den Eltern, wie unsere arme liebe Thea gegangen zu sein. Wir hatten gehofft uns die neue Existenz aufbauen zu können, arbeiten zu können und ein bescheidenes Leben zu fristen, aber hier ist das unmöglich. Liebste beste Frau Frieda, ich wiederhole meine Bitten aus meinem letzten Schreiben, Autorisation zur Heimkehr und Lebensmittel. Wie geht es Ihnen allen, sind Sie gesund, was mach Andi? Alles Liebe für Ruzierl. Ihnen danke ich aus tiefstem Herzen und bitte Sie innigst nun Ihre Hilfe auch weiterhin zuteil werden zu lassen, in freundschaftlicher Dankbarkeit , Ihre Marie Rudich

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