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F-1061, inventar 1, dosar 2, 41 - de

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Moghilau, d. 15.XII.41.
Meine geliebte teure Mama!
Ihr werdet Euch wundern, daß wir gar nichts von uns hören lassen; aber ich habe absolut jede Gelegenheit gefunden; ich habe viele Leute gebeten, mir zu sagen, wenn die Briefe schicken, aber niemand hat mir etwas gesagt. Die ganze Zeit haben wir auf den Herr gewartet, der mir bestimmt Briefe und Geld gebracht hatte, aber daß ihm grade so ein Unglück zustoßen würde, wer hätte das gedacht. Hoffentlich habt Ihr keine Unannehmlichkeiten durch diese Angelegenheit gehabt. Wir haben uns sehr gekränkt u. zu dem Ganzen kein Schreiben u. kein Geld bekommen. Hat Frl. Ebner damals den anliegenden Brief weiter befördert? Vorigen Donnerstag bekam ich die 1000 R. u. das Paket. Vielen Dank dafür. Wir konnten beides sehr gut gebrauchen. Alles hat uns sehr gut geschmeckt, Wurst, Keks und Bonbons. Du mußt uns schreiben, was Du schickst, damit wir kontrollieren können, ob nichts fehlt. Aber trotzdem sollst Du mit diesem Herrn nichts mehr schicken weil er es uns erst nach 6 Tagen abgegeben hat, wie wir dann erfahren haben u. hat uns außerdem 3 Stunden warten lassen, während er gegessen hat. Du hast sicher zufällig diese Gelegenheit gefunden, sonst hättest Du uns mehr geschrieben. Wir wissen nun gar nichts. Hast Du irgend etwas inzwischen unternommen? Gibt es eine Möglichkeit für uns? Gott sei Dank, wir sind gesund und haben ein verhältnismäßig gutes Zimmer. Oskar verdient auch etwas, aber sehr schwach, weil alles furchtbar teuer ist und zum Unglück in den letzten Tagen nicht mal zu bekommen. Da der Rubel nicht mehr gehen wird, bringen die Bauern nichts mehr auf den Markt, und wenn sie etwas verkaufen, dann nur gegen Tausch, besonders von Seife. Wir haben gestern mit Mühe und Not ein Brot für 450 Lei gekauft, heute ist es schon alle, Milch ist eine Lebensfrage, auch Kartoffeln. Was wir mitgenommen haben, ist schon aufgebraucht. Butter u. Eier sieht man überhaupt nicht, Phöbus u. Oskar sehen wie Schatten aus, ich habe abgenommen sehe aber trotzdem gut aus, das Kind auch [XXX] schlecht. Ich habe nicht viel Lebensmittel u. Sachen mitgenommen, weil Vater gesagt hat, er wir nicht schleppen können, Teitelbaum s u. Schemmels haben sich alles mitgenommen u. waren gescheit damit. Andererseits hat man vielen Sachen gestohlen oder die Czernowitzer haben fast alles weggeworfen, weil man sie gejagt hat. Tatelt haben überhaupt ein besonderes Glück als Amerikanerin durfte sie zurück, u. wie ich höre, geht es allen sehr gut, die geblieben sind, und außerdem wird sie in ihrer

Scan eines Briefes aus Transnistrien in die Bukowina, den Dr. Albert Twers mitgebracht hat

Wohnung alles finden. Vielleicht hast Du sie inzwischen gesprochen, da die bei Weber übernachten wollten. Wie geht es Euch? Habt Ihr ein Lebenszeichne von Papa? Ich habe vorige Nacht von ihm geträumt. Seid Ihr alle gesund? Die Hauptsache ist jetzt die Gesundheit, damit man Kraft hat, alles zu überstehen. Gott soll uns geben, daß wir nochmals zurückkehren können. Auch von Radautz aus hat man für uns Schritte unternommen, so daß wir noch etwas Hoffnung haben, wenn Du für uns was machen kannst. – Davy macht mir trotz seiner Frechheit mitunter viel Freude, weil er sehr gescheit ist und so schön spricht wie ein Großer. Gestern sagte er mir man betet zu Gott, warum hat er uns noch nicht geholfen? Seid ihr nur alle gesund das ist mir ein Trost, daß Ihr noch lebt wie Menschen! Ich bin aber trotzdem stramm u. glaube, es wir auch für uns alles gut. Seid tausendmal geküsst von Eurem Euch liebendem Phöbus. Besonders Dich liebste Mama, Kränke Dich nicht zu sehr. Grüße u. Küsse von allen.

Viele Bussi! Davy

Hoffentlich hast Du Tatelt. nichts von dem Unglück erzählt, auch anderen nicht sagen. Viele herzliche Grüße Phöbus

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