Djurin, 2/XII
Mein geliebter Vater,
Endlich ein Lebenszeichen, ich kann Dir unsere Freude gar nicht beschreiben, ich glaube Du kannst es Dir vorstellen, nach sieben Wochen ein Brief. Wie ich sehe, hast Du nur Postkarten bekommen, aber wir haben Dir mehrere Briefe geschickt. Ich glaube Du weißt, dass wir Dienstagabend aus Rădăuţi aufgebrochen sind und am Donnerstagvormittag Ataki erreicht haben. Dort gab es Kutschen zur Verfügung und natürlich haben wir 1200 Lei bezahlt. Wir waren dort ca. 5 Tage. Ich habe vergessen: als wir angekommen sind, hat Sorim Dir durch einen Soldaten einen Brief geschickt, er hat ihm 250 Lei gegeben, und im Brief war geschrieben, dass Du ihm nochmal 250 Lei gibst, wenn er Dir den Brief übergibt, aber wie ich jetzt sehe, hat er Dir nichts übergeben. Im Wagon waren wir 21 Personen und wir sind wunderbar gereist, am besten von allen Transporten. Ich soll Dir jetzt das Weitere beschreiben. In Ataki haben wir zusammen mit den Familien Hoffenberg, Rosenthal Adolf und Schmerţer gewohnt. Neben uns war die Nistru, dort wuschen wir uns. Nach fünf Tagen haben wir vier Familien uns nach Moghilov eingeschifft, dort hat man uns Transnistrier genannt und es wurde uns gesagt, dass wir nun keine Verbindung mehr zu Rumänien haben. Wir waren sehr unglücklich, da wir geglaubt haben, nicht mehr mit Dir korrespondieren zu können, aber Gott sei Dank kann man es doch. Als wir in Moghilov angekommen sind, haben wir Herrn Ringhel gesehen, seine Frau ist erschossen worden, und Bruno ist irgendwo in Bălţi und Umgebung. Weil wir 4 Familien mit viel Gepäck waren, hat man uns in ein Lager gebracht, wo ich mein Leben lang nicht mehr sein möchte. Nach einer Nacht voller Leiden hat uns Gott geholfen und wir sind von dort weggekommen. In Moghilov sind wir acht Tage geblieben und dann sind wir mit dem Auto nach Djurin aufgebrochen, das hat uns einige tausend pro Person gekostet. Hier haben wir kleines Zimmer, so wie unser kleines Zimmer zu Hause in Dorneşti. Hier wohnen wir zu siebent, also Frau Kahen mit Tochter und wir. Wir sind trotzdem sehr zufrieden und ich bete zu Gott, dass es niemals schlechter wird. Mutter, Jenica und ich schlafen in einem Bett, es ist eigentlich aus einer Tür gemacht, aber es ist wirklich gut. Genauso schläft auch Sorim, eigentlich besser. Er schläft mit Nitsi auf zwei Tischen und einem Brett, ist aber trotzdem zufrieden. Jenică ist brav, nur will er nicht verstehen und bittet
darum, dass man ihm etwas wie zu Hause zu essen macht. Ich esse wie ein Wolf. Erinnerst du Dich, wie Duţu schrieb, dass er hungrig ist, so ist es auch bei mir und niemand bittet mich zu essen und es gibt keine Speise mehr, die ich nicht esse. Ich hätte auch eine Bitte, wenn es möglich ist, schicke mir ein Paar von meinen Sportschuhen, mir scheint, es muss eine Sohle ausgewechselt werden, wenn Du dort eine findest, ist es gut, wenn nicht, habe ich auch hier eine Stück Schuhsohle von zu Hause und ein Paar Hausschuhe, denn mir ist kalt an den Füßen. Hier trage ich ein Paar Schuhe von Mutter, aber sie sind kaputt. Ich glaube heute habe ich Dir einen detaillierten Brief geschrieben. Iosel und Rubin sind in Morava, 12 km von uns entfernt. Ich habe sogar mit einem Mann von dort gesprochen, der mir erzählt hat, dass es ihnen sehr gut geht, und sie haben sogar Arbeit gefunden und verdienen soviel, dass sie zu essen haben. Viele haben das Glück und sie verdienen ein bisschen. Sonin hat auch Glück gehabt und trotzdem hat er wenig verdient. Frau Glatter ist verrückt geworden und man hat ihr eine Spritze gegeben, und nach einigen Tagen ist sie gestorben.
Lieber Vater, wie gut es doch wäre, wenn Du uns von hier wegholen könntest. Wo Du doch alleine bist und Deine Familie brauchst. Jetzt ist es sechs Uhr, es ist also spät, hier gehen wir spätestens um 8 Uhr schlafen, und morgens stehen wir um 9 Uhr auf. Hier ist das Leben recht teuer, vor allem für uns, da wir 40 Lei für den Rubel bezahlen, aber jetzt haben wir mit 8 Lei gewechselt. Du siehst, es ist eine Art von Markt. Ich bin sehr neugierig, ob Du das lesen wirst. Ich freue mich sehr, dass ich in der Kanzlei arbeite, dann langweile ich mich nicht so. Es wäre sehr gut, wenn Du Dich mit Herrn Margulies in Verbindung setzen könntest, er ist Beamter bei Rudich. Er könnte Dir irgendwie helfen. Ich bitte Dich nochmal zu versuchen, mir meine, Jenicas und Mutters Stiefel zu schicken, weil uns nämlich ziemlich kalt ist. Mutter trägt noch Deine Stiefel, die mit dem Stoffinnenfutter. Es ist halb sieben, Jenica schläft und träumt von wer weiß welchen Schlössern. Eine Dame, die neben uns wohnt, erzählt davon, was sie zu Hause zurückgelassen hat. Mutter ist auch neben dem Ofen um sich zu wärmen, Nitşi und ihre Schwester liegen nebeneinander auf…